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Ausstellung ZeitRaum 5 Kaiser & Vaterland

Kaiser & Vaterland

1871 – 1914

Unter glanzvoller Fassade liegt ein zerrissenes Land, das deutsche Kaiserreich. Es ist eine stolze Nation, ein aufstrebender Industriestaat – das Land des wissenschaftlichen Fortschritts, aber auch das der alten Eliten und des Arbeiterelends.

Für die kleine Kreisstadt Halle i.W. sind die Friedensjahre 1871-1914 eine wahre Gründerzeit. Öffentliche Gebäude, Fabriken und Verkehrswege entstehen. Nationalfeiertage, Sommergäste und die erste Filmaufführung bringen Glanz und Farbe ins Leben der Haller. Doch der Alltag bedeutet für die meisten schwere körperliche Arbeit. Die Tuberkulose fordert Opfer, es fehlt an einer Kanalisation – und viele sehnen sich nach mehr Gerechtigkeit!

Eine Übersicht der Ereignisse finden Sie unten ...

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Details und Hintergründe

Hintergründe zu ZeitRaum 5 Kaiser & Vaterland

Das Kaiserreich… und die kleine Kreisstadt

Entwicklungen in Halle

Für Halle war die Kaiserzeit von 1871 bis zum Beginn des 1. Weltkriegs 1914 eine gute Zeit. Positive Begleiterscheinungen der aufkommenden Industrialisierung waren die Gründung von Stiftungen, von Fabriken mit neuen Arbeitsplätzen, der Bau von Schulen, Kirchen, Verwaltungsgebäuden und Wohnhäusern.[1]

1882 war die Geburtsstunde des Haller Kreisblattes, heute eins der ältesten Unternehmen. 1886 nahm der „Haller Willem“ Fahrt auf, und es prangten 1896 an einigen Häusern die ersten leuchtend blauen Briefkästen.

Ein Jahr später bescherten die Kaufleute Kisker und Brune der Stadt die Höhere Privatschule, legte sich ihr Rektor Christian Frederking für den Verschönerungs- ins Zeug, wovon etwa die 1909 angepflanzte Kastanienallee am Bergkamp zeugt.[2]

An der Graebestraße erbaute der Architekt August Schlienkamp 1910 das Amtshaus  (heute Rathaus II) und bald darauf die schmucke Volksschule an der Bismarckstraße. Ihr gegenüber läuteten da schon drei Jahre lang die Glocken der Herz-Jesu-Kirche.

Die Kreisstadt Halle Westfalen 1908. Blick vom Teutoburger Wald (Egge) auf die Wertherstraße. Leihgabe von Familie Mickler.

Die kleine Kreisstadt Halle i.W. im Kaiserreich. Straßen, Fabriken, Amtsgebäude, Schulen, Geschäfte - Halle ist das schlagende Herz ländlichen Ravensberg.

Der Bau des Postamts ließ 1899 die ersten 20 Telefone läuten und mit dem Einzug des Automobils 1903 änderte sich das Fahrverhalten grundlegend. Das Jahr 1898 steht für die Inbetriebnahme des Haller Elektrizitätswerks, vor dem Amtsgericht nahm das Kriegerdenkmal seinen Platz ein. 1912, also vor genau 100 Jahren, legte Wilhelm Güttgemanns den Grundstein für eine Lederfabrik, bauten sich Eduard Kisker und Rechtsanwalt Läcke ihre Villen. Am 12. Mai hatten die Schützen zur festlichen Einweihung des Schützenhauses geladen. 1916 eröffnete Wilhelm Imsande eine weitere Lederfabrik und festigte damit den Standort Halle als Zentrum der Lederherstellung.

Die Kreisstadt entwickelte sich in der wilhelminischen Ära zu einem anerkannten Mittelpunkt ihres Verwaltungsbereichs.

Sie zeigte sich der neuen Zeit gegenüber aufgeschlossen, pflanzte zu Ehren des Reichsgründers Otto von Bismarck 1905 die übliche „Bismarck-Eiche“ und beging in festlichem Rahmen alljährlich Kaisers Geburtstag. In zahlreichen Geschäften der Kreisstadt wurden Colonial- und Galanteriewaren angeboten, die Haller Gesellschaft wusste sich zu präsentieren, standesgemäß zu kleiden und rauschende Familienfeiern auszurichten.

Halle war eine wirklich kleine Kreisstadt. Um 1900 hatte sie nur 1.803 Einwohner. Das lag aber auch daran, dass die Ortsteile Gartnisch und Oldendorf und die Landgemeinden − von Ascheloh bis Kölkebeck − noch nicht eingemeindet waren. Im Kreis Halle, dessen Mittelpunkt unsere Stadt war, lebten zu dieser Zeit 30.007 Menschen.[3]

Wolfgang Kosubek

Höhere Privatschule in Halle Westfalen. Rektor Christian Frederking.

Die Höhere Privatschule in Halle. Eine Stiftung der wohlhabenden Familien Kisker und Brune. Foto: Stadtarchiv Halle (Westf.)

Entwicklungen in Deutschland

Hinter glanzvoller Fassade lag ein zerrissenes Land – das deutsche Kaiserreich, ein Land der Konflikte zwischen alt und neu, arm und reich, oben und unten...

Nach dem Sieg über Frankreich 1871 befand sich Deutschland im Nationalrausch. Das  Militär stand in hohem Ansehen und schmückte sich mit bunten Uniformen. Der Adel wahrte seinen Einfluss. Im Stile des so genannten Historismus entstanden zur Stärkung der Infrastruktur monumentale Bauwerke wilhelminischer Prägung: Kanäle, Bahnhöfe, Postämter.

Das Deutsche Reich entwickelte sich in Industrie, Wissenschaft und Technik zur modernsten Nation Europas, zum Land der Ideen – und der Nobelpreise.

Ein Land stieg auf. Und deutsch zu sein hieß, auf die eine oder andere Weise am nationalen Aufstieg teilzuhaben.

Die Gesellschaft des Kaiserreichs war streng hierarchisch. Jenseits von Glanz und Üppigkeit entstand in den Städten das Industrieproletariat. Es bildete die wirtschaftliche Basis des Wachstums, galt aber gleichzeitig als Bodensatz der Gesellschaft. Unzufriedenheit gärte. Es kam zu ersten Streiks. Die SPD fand Zuspruch.

Eine Mittelschicht etablierte sich: die Schicht der Angestellten und kleinen Beamten. Sie orientierte sich – sparsam und fleißig – nach oben und versuchte sich nach unten stets deutlich abzugrenzen. So trugen die Herren trugen saubere weiße Manschetten, um zu zeigen, dass die einem Stand angehörten, der sich die Hände nicht schmutzig machte. Ihre Gesinnung war zumeist  sozialistenfeindlich, kaisertreu, nationalistisch und zunehmend antisemitisch.

Das gehobene Wirtschafts- und Bildungsbürgertum erwarb in diesen Jahren seinen Wohlstand, seinen Stolz und seinen Lebensstil. Die Mitglieder der Gesellschaft engagierten sich in Vereinen, spendeten für gemeinnützige Zwecke, interessierten sich für Kultur.

Preußische Uniformjacke von 1903. Leihgabe von Familie Ellerbrake.

Eine preußische Uniformjacke, getragen 1903 von Wilhelm Ellerbrake aus Eggeberg. Leihgabe von Familie Ellerbrake.

Nie zuvor waren in den bürgerlichen Schichten die Lebenswelten von Männern und Frauen so klar unterschieden und festgeschrieben, in Inhalt, Form und Wert.

Am unteren Ende der Skala des Fortschritts wüteten in den Elendsvierteln der Großstädte weiterhin Seuchen – wie in Hamburg 1892 die Cholera. Volkskrankheiten wie die Tuberkulose konnten nach wie vor tödlich verlaufen.

Die Industriegebiete in Schlesien und an der Ruhr litten massiv unter der Luft- und der Gewässerverschmutzung: der Rhein war um 1900 bereits biologisch tot. Die Rüstungsindustrie  bereitete ab 1898 einen Krieg vor und entwickelte die ersten Massenvernichtungswaffen. Als Kolonialmacht in Afrika, insbesondere mit dem Völkermord an den Herero, lud das Deutsche Reich schwere Schuld auf sich.

Und dennoch: In Deutschland selbst herrschte vierzig Jahre lang Frieden. Eine Zeitspanne, in der es sich entwickeln konnte, wie sich auch an der Kreisstadt Halle beispielhaft zeigt.

 Dr. Katja Kosubek

Armenhaus in Halle Westfalen. Aufnahme um 1950. Stadtarchiv Halle (Westf.)

Die sozialen Unterschiede waren groß - auch in Halle. Unser Foto zeigt das Armenhaus an der Viehstraße (Oldendorfer Straße) um 1950. Stadtarchiv Halle (Westf.)

[1]    Die Industrialisierung erreichte das ländliche Halle etwas zeitverzögert. Die Ära der Dampfmaschinen begann zwar schon 1860, aber feste, jederzeit passierbare Überlandstraßen entstanden über den langen Zeitraum zwischen 1845 und 1880.  Erst der Anschluss an das Eisenbahnnetz machte einen effektiven Güterverkehr (Rohstoffe, Waren) und den Aufschwung der Haller Industriebetriebe möglich.

[2]    Die Höhere Privatschule Schule in der Kaiserstraße steht heute noch (2016), wenngleich umgebaut, und  ebenso Rektor Frederkings schönes mit Schiefer bekleidetes Wohnhaus von 1911 gleich nebenan.

[3]    Vgl. Karl Wolf, Freud und Leid im Kreise Halle i.W. – 1800-1905, Halle i.W. 1905, S. 51ff.; sowie: Uwe Heckert, Halle in Westfalen – Geschichte(n) einer Stadt am Teutoburger Wald, Bielefeld 2005, S. 95. Zum Kreis Halle gehörten die Ämter Halle (mit Steinhagen), Werther, Borgholzhausen und Versmold, jeweils mit ihren Landgemeinden.