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AusstellungZeitRaum 4 Erster Weltkrieg & Weimarer RepublikThemenwand Wandervogel & Vergnügen Charlestonkleid

Charlestonkleid

Satin, Spitze, Ripsband handgenäht | um 1924
Schenkung von Ute Habenrmann

Nach Glanz und einem Hauch von Luxus sehnten sich die Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg. Fließende Stoffe, aufregende Farben und unbedingt ärmellos – gerade so wie dieses Kleid von Martha Dangberg – das war die Mode der kurzen „Goldenen Zwanziger“. Anlass diese zu zeigen gab es genug. Ein Tanzvergnügen war der Ausklang eines jeden Vereinsfestes, selbst bei den Fußballern! Problematisch wurde der Heimweg vom Schützenberg oder von Grünenwalde, vor allem für die Anwohner! Die angetrunkene „Vergnügungsarmee beiderlei Geschlechts“ pflegte nämlich laut zu singen…

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Details und Hintergründe

„Vergnügungsarmee“ zieht durch das nächtliche Halle

Nachtwächter erhält Abmahnung

Eine Tanzkapelle hatte gespielt oder auch nur das Koffergrammophon, es war einiges an Alkohol geflossen und nun kam die Polizeistunde, der Wirt wollte seinen Laden abschließen. Die Gäste verließen das Lokal und machten sich fröhlich lärmend auf den Heimweg.

Am Wochenende wollten sich die sich die Anwohner den Radau wohl gefallen lassen, aber sicher nicht in der Nacht zum Montag! So mag Dr. Ida Kisker gedacht haben, als sie sich am 10. Oktober 1921 bei Amtmann Wolf darüber beschwert, „daß in letzter Zeit während der Nacht häufiger ruhestörender Lärm durch Singen und Johlen in den Straßen hiesiger Stadt verursacht würde“[1].

Offenbar waren angetrunkene Gäste des „Schützenbergs“ auf ihrem Weg nach Hause durch die Apothekerstraße gezogen. Amtmann Wolf ergriff sofort Maßnahmen, nämlich die Abmahnung und Überwachung des Haller Nachtwächters August Dessin. Diesem schrieb Wolf:

„Es ist überhaupt auffallend, daß Sie in den langen Jahren Ihrer Tätigkeit gar keine Anzeigen wegen Überschreitung der Polizeistunde vorgelegt haben. Dabei sind mir Klagen zu Ohren gekommen, daß Familienväter in angetrunkenem Zustande erst nachts um 3 oder 4 in ihre Häuslichkeit zurückkehren sollen.“

Wolf drohte mit Konsequenzen, sollte darin nicht eine Änderung eintreten. Außerdem wurde der Nachtwächter bis auf Weiteres an zwei Sonntagen im Monat jeweils „um 12 ½ und 1 ½ Uhr revidiert“, um festzustellen, ob die Polizeistunde eingehalten wurde.

Koffergrammophon um 1927, Leihgabe von Johannes van Dyk.

 

Die Überwachung scheint nicht viel bewirkt zu haben, denn schon im Juni 1922 schrieb jemand unter dem Pseudonym „Civis“ (Bürger) einen Leserbrief an das Haller Kreisblatt: „Die junge Welt mag in den Festsälen feiern aber ruhig nach Hause gehen.“

Der Nachtwächter erhielt daher die Auflage, gegen Ende größerer Veranstaltungen anwesend zu sein, bis zum Schluss zu bleiben und den ruhigen Abzug der Teilnehmer, gegebenenfalls durch deren Begleitung, zu gewährleisten.

 

Doch der zu freundliche Herr Dessin schien die Haller Krisengebiete nicht wirklich unter Kontrolle zu haben: In Gartnisch war dies die Bielefelder Straße rund um die Gaststätte Pallmeier, in Oldendorf die Wertherstraße von der Gaststätte Grünenwalde bis hinunter an die Lange Straße und auch in der Bahnhofstraße lagen die Anwohner – wegen verschiedener Lokale – regelmäßig wach.

Ein weiterer Leserbrief aus dem Jahr 1928 verurteilte scharf die „Vergnügungsarmee beiderlei Geschlechts“ wegen besagter nächtlicher Umtriebe. Ob diese Zuschrift nun erfolgreich war, sei dahingestellt – zumindest hat die Verfasserin der Nachwelt ein Bonmot beschert.

Dr. Katja Kosubek

Gaststätte Grünenwalde mit ihrem angebauten Tanzsaal. Leihgabe von Helmut Brendel.

[1] Aktennotizen des Amtmanns Wolf bezüglich nächtlicher Ruhestörungen in den Jahren 1920-1928 mit eingeklebten Zeitungsausschnitten. Stadtarchiv  Halle (Westf.), Akte C 178.