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ZeitRaum 7 Aufklärung & RomantikThemenwand Aufklärung Friederike Louise Delius

Friederike Louise Delius

Öl auf Leinwand | um 1825
Leihgabe der Delius-Stiftung

Das Leben eines bürgerlichen Mädchens verlief um 1800 im besten Falle so wie das von Friederike Louise geb. Schrader (1777-1854): Eine Tante arrangierte die Ehe mit Clamor Friedrich Hagedorn. Friederike heiratete damit in eine Familie erfolgreicher Leinenkaufleute ein. Mit Clamor Friedrich lebte sie in Halle am Kirchplatz Nr. 5, spazierte sonntags an seiner Seite hinauf zum Bergkamp, wo nach Plänen ihres Schwiegervaters ein Landschaftsgarten entstand und reiste mit ihrem Mann zum Kontor nach Bremen. Doch als Clamor Friedrich schon mit 41 Jahren an einem Fieber starb, nahm ihr Leben eine Wendung…

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Exponat: Friederike Louise Delius

Weinet nicht. Mir ist wohl.

Das Leben von Friederike Louise geb. Schrader

„Frau Hagedorn, Sie müssen etwas unternehmen — meine Kunden warten auf ihr Segeltuch!“
Mit solchen oder ähnlichen Worten veranlasste Mr. Bohlen aus Philadelphia Friederike Louise Hagedorn, Unternehmerin zu werden. [1] Dabei durchlebte die 34jährige gerade eine familäre Tragödie…

Alles hatte so glänzend begonnen: Clamor Friedrich Hagedorn sollte das Haller Handelshaus seiner Tante, Madame Charlotte Hagedorn geb. Schlichtebrede erben – allerdings nur, wenn er eines der beiden Schrader-Mädchen aus Herford ehelichte, Nichten von Madame Hagedorn.[2] Seine Wahl fiel auf die ältere der Schwestern, die 19jährige Friederike Louise. Die Auserwählte heiratete 1796 in ein Leben ohne finanzielle Sorgen. Gebildete Menschen waren ihre Gäste im Kaufmannshaus am Kirchplatz in Halle; Honoratioren wie Bürgermeister Willmanns zählten zu ihren Bekannten.

Als Clamor Friedrich im Jahr 1800 eine Kohlenzeche in Halle gründete und diese nach bergmännischer Art eingeweiht wurde, stand seine junge Frau im Mittelpunkt des großen Ereignisses: Sie sollte die Namensgeberin sein. Zahlreiche Zuschauer hatten sich an diesem 5. November um 11 Uhr eingefunden. Eine Kutsche holte die Eheleute zuhause am Kirchplatz ab und in „schöner Equipage“ wurden sie zur geplanten Zeche gefahren. In der Nähe des Hofes Schneiker in Eggeberg sollte der Stollen abgeteuft werden. Die Knappschaft aus dem nahen Dornberg sorgte für den musikalischen Rahmen, als die 23jährige Friederike Louise dem Bergwerks-Unternehmen ihren Namen gab. Anschließend kamen die Haller Honoratioren zum  Festessen zusammen, gegen Abend wurde eine Parade der Dornberger Bergleute mit Laternen und Musik bestaunt, und schließlich begann ein Ball mit Tanz bis in die frühen Morgenstunden.[3]

Kaufmann Clamor Friedrich Hagedorn führte das Haller Handelskontor, sein Bruder Conrad leitete die Dépendance in Bremen und die Verschiffung der Leinenballen. Daneben engagierte sich Clamor Friedrich im Haller Magistrat und war einige Zeit lang auch Bürgermeister.[4]

Den jungen Eheleuten wurde ein Kind nach dem anderen geboren — schließlich waren es acht.
Im November 1811, Halle gehörte damals zum Herrschaftsbereich Napoleons, erlag Clamor Friedrich Hagedorn einem tödlichen „Nervenfieber“ – mit nur 41 Jahren. Zwei Jahre darauf starben Rosalie, Gustav und August, die drei jüngsten Kinder, qualvoll an der damals unheilbaren „Bräune“, heute Diphterie genannt. [5] Es ist anzunehmen, dass sie wie ihr Vater in Hagedorns Familienbegräbnis nahe der „Kaffeemühle“ beigesetzt wurden.
Friederike Louise führte nun eigenständig den Handel weiter — bis nach Philadelphia.
Schon lange bestanden gute Beziehungen zu Familie Delius in Versmold. Auch diese handelte mit Segeltuch und war in Bremen vertreten. So heiratete Friederike Louise im Jahr 1817 Friedrich Wilhelm Delius. Die 39jährige brachte Sachverstand, gute Geschäftsbeziehungen und durch Landverkäufe in Halle auch ein solides Vermögen mit in die Leinendynastie Delius. Vier Hagedorn-Kinder brachte sie mit in die Familie Delius, drei weiteren schenkte sie in Versmold das Leben. Ein Ereignis war die Hochzeit ihrer Tochter Nanny Sophie im Jahr 1824 mit Ulrich Schrader: Friederike Louise bekam ihren einenen Bruder zum Schwiegersohn. Friedrich Wilhem Delius, der die Leinenfabrikation in Versmold zur Blüte gebracht hatte, starb nach 22 Ehejahren 1839. Abermals übernahm Friederike Louise die Geschäftsführung, unterstützt durch ihren 1820 geborenen Sohn Konrad. [6]

Das ehemalige Kaufmannshaus Hagedorn mit dem charakteristischen Flaschenzug. Zu sehen sind die Lange Straße/Ecke Rosenstraße und Kiskers Bogen als Durchgang zum Kirchplatz. Foto: Verschönerungs Verein Halle im Sommer 1906.

Erstaunlicherweise wählte Friederike Louise Delius, das Begräbnis der Familie Hagedorn als ihre letzte Ruhestätte. An einem Novembertag im Jahre 1854 starb die Kauffrau und Mutter mit 77 Jahren. Sie erhielt den gleichen Grabstein erhalten wie ihr zweiter Ehemann Friedrich Wilhelm Delius, begraben ließ sie sich jedoch neben Clamor Friedrich und ihren Kindern im Landschaftsgarten in Halle. Auf ihrem Grabstein ist zu lesen: „Weinet nicht. Mir ist wohl.“

 

Recherche: Wolfgang Kosubek, Text: Katja Kosubek

 

Das Begräbnis der Familie Hagedorn finden Sie als Station des Geschichtspfades Kaffeemühle…

Friederike Louises Grabstein in Halle nahe der "Kaffeemühle". Fast identisch ist der ihres zweiten Ehemannes auf den Friedhof in Versmold. Foto: Wolfgang Kosubek.

[1] Vgl. N.N.: Amtlicher Bericht über die Allgemeine Ausstellung deutscher Gewerbs-Erzeugnisse in Berlin 1844. S. 451f.

[2] Testament der „Madame Hagedorn“, Franziska Charlotte Hagedorn geb. Schlichtebrede. Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe, Akte M2 Amt Halle N 93. Madame Hagedorn hatte auch an in Auktion anlässlich der Markenteilung mitgeboten und Land erworben. Es gab eine entfernte verwandschaftliche Beziehung zwischen Familie Schlichtebrede und Familie Delius in Versmold.

[3] Vgl. Gustav Griese: Der Bergbau in Ravensberg – Beiträge zur Geschichte des Berg-, Hütten- und Salinenwesens in der Grafschaft Ravensberg und im Fürstentum Minden, in: 57. Jahrbuch der Historischen Vereins der Grafschaft Ravensberg (JHVGR), Bielefeld 1954,S. 1 – 62, hier S. 27f., mit Bezug auf einen Bericht in der Zeitung „Wöchentliche Mindensche Anzeigen“ vom 27. 11. 1800, abweichend dazu nennt Meise (s.u., S. 116) das Datum 17.11.1800.

[4] Heinrich Meise: Die Stadt Halle in Westfalen, Halle/Westfalen 1969, S. 169.

[5] Stadtarchiv Halle (Westf.), Abschriften der Kirchenbücher, hier: Ordner zum Buchstaben H (Hagedorn).

[6] Rolf Westheider: Eine Frau steht ihren Mann, Gastbeitrag im Haller Kreisblatt vom 26. oktober 2011.