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Friedhof von 1828

| 1828
Ebangelische Kirchengemeinde Halle

Ein Aufbruch in die Moderne war die Eröffnung des neuen „Leichenhofs“ im März 1828. Es war zäher Widerstand geleistet worden, als der Begräbnisplatz rund um die Johanniskirche wegen katastrophaler Überbelegung aufgegeben werden sollte. Die „Anhänglichkeit“ der Haller an den alten Kirchhof und die „Belästigung“ des Pfarrers, wenn er bei schlechtem Wetter zum Friedhof eilen müsse, wurden da ins Feld geführt.

Etwa zeitgleich entstandenen die Waldbegräbnisse wohlhabender Bürger am Lotteberg.

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Der Friedhof an der Bahnhofstraße

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Es gibt in Halle einen schönen alten Friedhof. Er stammt aus dem Jahre 1828 und damals war er der „neue Leichenhof“. Zuvor fanden die Verstorbenen ihren Platz jahrhundertelang auf dem Kirchhof an der Johanniskirche.

Doch die Raumnot auf dem Gräberfeld hatte sich zuletzt beängstigend entwickelt und mit dem neuen Gottesacker war ein drängendes Problem endlich gelöst. Gegen die, wegen zunehmender Ausdünstungen und gesundheitlicher Bedenken, amtlich geforderte Verlegung der Totenstätte „vor die Stadt“, hatten die Einwohner sich allerdings hartnäckig gewehrt. Wie immer, wenn es um ihre Gewohnheiten ging. Man war gewohnt, in der Kirche getauft, konfirmiert und getraut zu werden und wollte dem Gotteshause im ewigen Schlaf ebenfalls nahe sein. Auch besaß die Kirche selbst ja handfeste Interessen, sie fürchtete nämlich um einen Teil ihrer Einkünfte.

Am Ende siegte die Vernunft. Vielleicht hatte die zukunftweisende Gliederung der neuen Anlage an der heutigen Bahnhofstraße – das etwa ein Hektar große Gelände war 1827 für für 560 Reichsthaler in Gold von Friedrich Wilhelm Potthoff erworben worden – sie alle überzeugt. Jedenfalls ließ Landrat Friedrich von der Decken denen, die ihre „Leichensteine“ vom Kirchhof „behaupten“ wollten, nur eine Frist von zwei Wochen, um sich zwischen der öffentlichen Entsorgung, der Aufbewahrung an anderer Stelle (z.B. am Bergrand) oder einem zweckmäßigen Zweitnutzen zu entscheiden.

Am Bergrand gab es bereits einige genehmigte Grabstellen und wer sonst noch Waldparzellen besaß, konnte seine alten Denkmäler dort aufbewahren. Nach dem 15. April waren Bestattungen auf Kirchengrund nicht mehr erlaubt. Der Platz wurde sofort eingeebnet und der „Totenstecher“, eine zugespitze Eisenstange, verlor ihre Funktion. Der Totenstecher hatte während der letzten Jahre dazu gedient, um mittels Einstechen in den mit Leichen überfrachteten Boden die restlichen Grabplätze aufzuspüren. Er wurde jetzt nicht mehr gebraucht.

Der neue Friedhof im ehemaligen „Meinderschen Mauergarten“ am Postweg nach Münster, war planvoll eingerichtet und die in drei unterschiedlichen Feldgrößen angebotenen Erbgrabstätten waren schnell verkauft. Wie schon an der Johanniskirche, standen sie allen „Eingesessenen“ des Kirchspiels zur Verfügung. Ob sie in Ascheloh, Eggeberg, Gartnisch, Künsebeck, Amshausen, Oldendorf, Hesseln oder Bokel wohnten; mit Ausnahme der Kölkebecker, die 1828 ihren eigenen Leichenhof ertrotzten.

Ein spezielles Leichenhaus (eine Friedhofskapelle) gab es nicht. Obgleich damals große Angst vor dem Scheintod herrschte und mancherorts eine zuweilen groteske Überwachung des leblosen Zustands der Aufgebahrten bis hin zum Beerdigungstermin praktiziert wurde. In Halle fand die Trauerzeremonie jedenfalls weiterhin in der Kirche statt. Der Leichenzug schritt anschließend hinter dem Fuhrwerk mit dem Sarg über die abgesperrte Straße zur vorbereiteten Gruft. Diesen Weg hatten die Gemeinderäte den Pastoren wegen der Gefahr von schlechtem Wetter ursprünglich nicht zumuten wollen.

Schon 1876 entstand südlich der Bahnlinie – insbesondere für Bürger aus Bokel – ein weiterer Friedhof (Nr. II). 1892 folgte Friedhof III an der Bundesstraße 68. Das genügt bis heute.

Friedhof I ist ein wahres Geschichtsbuch. Die oft mehr als 180 Jahre alten, verwitterten Grabsteine nennen Namen von Verstorbenen, die ihren Geburtsort nie verlassen haben, die zugezogen waren oder im Alter zurückkehrten, um hier in Frieden ihre letzte Ruhe zu finden. Namen wie die der Unternehmer Kisker und Brune, der Königlichen Juristen Velhagen, Tiemann und Heidsieck, der Pastoren Hoermann, von Cölln und Steller, der Strakerjahns, Dankbergs und Wichmanns. Oder die aus den Bauerschaften, wie Kleine-Butenhut, Hardeland, Bohle, Stodiek und Wesselmann. Manche sind unvergessen. Pastor Ludolf Hörmann etwa, der die durch das preußische Landrecht von 1794 erzwungene Verlegung des Leichenhofs lange nicht wollte, aber doch einer der ersten war, die am neuen Ort die kühle Erde auf immer deckte. Auch Florenz und Julius Kisker, denen Halle die Bergkampsbesitzung verdankt, zählen dazu. Schließlich sei Heinrich Strakerjahn noch genannt, der das Hagedorn-Denkmal unterhalb der Kaffeemühle vor der Zerstörung rettete.

Der heutige Alte Friedhof in Halle Westfalen an einem nebligen Herbsttag. Foto: Wolfgang Kosubek.

Die Haller pflegen ihren alten Friedhof im Rahmen eines Patenprojektes. Ein Geschichtspfad erzählt seit 2016 vom Leben derjenigen, die hier ihre letzte Ruhe fanden.

Zugleich kann der Friedhof als Skulpturenpark besichtigt werden, mit Kunstwerken, die den alljährlichen Haller Bachtagen gewidmet sind.

Wolfgang Kosubek im April 2012

Gräberpflegetag auf dem Alten Friedhof. Foto: Katja Kosubek.