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AusstellungZeitRaum 3 NationalsozialismusThemenwand Unter Zwang Nadjas Schürze

Nadjas Schürze

Baumwolle, gewebt | um 1944
Leihgabe aus Privatbesitz

„Wir bekommen eine Russin!“ wurde Nadja 1943 auf einem Bauernhof in Ascheloh angekündigt. Die junge Zwangsarbeiterin hatte das Glück, dort mit Blumen begrüßt zu werden und als Magd zur Familie zu gehören. Mutig stellte sie sich bei Kriegsende den Gruppen befreiter russischer Zwangsarbeiter entgegen, die mit Raubzügen über die Höfe Vergeltung übten. In Künsebeck kam es in den Apriltagen 1945 zu massiver Gewalt. Neun Einheimische wurden erschlagen, auch ein Russe verlor sein Leben. Erfahren Sie mehr…

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Dürkoppwerke Künsebeck

Zwangsarbeiterinnen im Dürkopp-Werk Künsebeck hatten ein deutlich härteres Los als Nadja. Der Rüstungsfabrik war das „Waldlager“ angeschlossen. Hier  lebten bis zu 1000 Frauen, Männer und Kinder…

Unveröffentlichtes Aktenmaterial entdecken.

 

Russenbrot Zwangsarbeiter Lager

Russenbrot

Hunger war ein Grund für die Raubzüge der befreiten Zwangsarbeiter. Lageressen war nicht nur dürftig sondern nicht selten demütigend – das „Russenbrot“ macht dies anschaulich.

„Rezept“ lesen.

Van der Veer - Kriegsende 1945 - Einmarsch von US-Tuppen in der Rosenstraße in Halle Westfalen

Einmarsch der US-Truppen

Die Gewaltakte in Künsebeck ereigneten sich, als Halle bereits unter amerkanischer Besatzung stand.

Die Kontrolle übernahmen die US-Truppen auch durch systematische Hausdurchsuchungen.

Zeitzeugen-Erinnerung anhören.

Details und Hintergründe

Täter und Opfer

Als der Krieg zuende war...

Der nachstehende Bericht erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sowohl was die Zahl der ums Leben Gekommenen angeht, als auch hinsichtlich der korrekten Wiedergabe der Geschehnisse. Man muss hinnehmen, dass die Frage „Wie war es genau?“ nicht zu beantworten ist: Die Quellenlage ist dünn, die Taten wurden nie juristisch aufgearbeitet und die Erinnerung der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verblasst. Dennoch soll ein Versuch unternommen werden, die Ereignisse in den Wochen nach dem Einmarsch amerikanischer Besatzungstruppen am 2. April 1945 festzuhalten.

 

Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene – Situation in Halle

Das größte der 23 Lager für Fremd- und Zwangsarbeiter sowie für Kriegsgefangene im Amt Halle war während des zweiten Weltkriegs das „Waldlager“ in Künsebeck. Es lag im Winkel von Schnatweg und Flurstraße und gehörte zum angrenzenden Rüstungsbetrieb Dürkopp. Für eine Erhebung über „Kriegsgefangene und Zivilarbeiter“ im Jahr 1944 wurden dort 1360 Gefangene gezählt: 300 Männer, 860 Frauen und 200 Kinder.

In den weiteren 22 Lagern waren noch einmal 1241 Menschen untergebracht. Sie wurden als serbische Kriegsgefangene, Polen, französische Kriegsgefangene, russische Kriegsgefangene, Tschechen oder „Ostarbeiter“, bezeichnet.

Die meisten waren dazu bestimmt, in Industrie- und Handwerksbetrieben, sowie in der Landwirtschaft Lücken zu schließen – Lücken, die im Kriegseinsatz befindliche deutsche Männer hinterließen, und deutsche Frauen, die an der sogenannten Heimatfront in vielfältiger Weise Dienstpflichten versahen.

Der Status insbesondere der sogenannten „Ostarbeiter“ brachte mit sich, dass den Gefangenen innerhalb und außerhalb der Barackenlager enge Grenzen gesetzt waren. Ein umfangreicher Katalog kleinlichster Maßregeln bestimmte ihr Verhalten. Geringste Verstöße führten zu harter Bestrafung, manchmal mit dem Tod.

In der umgebenden Landwirtschaft gab es Bauern, die ihre neuen Hilfskräfte gut behandelten und ihnen − was verboten war − einen Platz am Tisch und gleiches Essen gaben. Trotz allem Risiko gab es Akte des Mitleids. Ein typisches Beispiel: Eine Bäuerin ließ ihrer russischen Arbeiterin hin und wieder einige der so sehr begehrten Hühnereier zukommen, in dem sie diese im Kartoffelkorb unter den Kartoffelschalen versteckte. Der Korb stand dann wie zufällig neben dem Hoftor.

Es gab jedoch auch solche, denen die neuen Helfer − ganz im Sinne der NS Ideologie − als Menschen zweiter Klasse galten. Sie traf die Rache der über den Kriegsverlauf stets gut informierten Häftlinge oft schon während der sich abzeichnenden deutschen Niederlage und erst recht danach.

 

Hungerraubzüge und Überfälle

In dieser Zeit, im Frühjahr 1945, verließen immer häufiger kleinere Trupps von Insassen das unzureichend gesicherte Waldlager − anfangs in erster Linie getrieben von Hunger − für Beutezüge auf den umliegenden Höfen. Die Haus- und Hofbesitzer lebten mit der täglichen Gefahr von Überfällen. Alles wurde mitgenommen: Lebensmittel, Kleidung, Wertgegenstände, Fahrzeuge. Wer dann von wehrhaften Nachbarn nicht kurzfristig Beistand erwarten konnte, der versteckte sich besser und rettete so vielleicht sein Leben.

Nach der Machtübernahme durch die Amerikaner am 2. April 1945 nahmen die Überfälle an Zahl und Heftigkeit zu und die Übergriffe auf die Bevölkerung wurden immer brutaler. Auch wurde Vergeltung für erlittenes Unrecht geübt. Neun Gewaltakte mit deutschen Todesopfern sind durch den Haller Bürgermeister, Eduard Meyer zu Hoberge, amtlich protokolliert. Als Täter werden dort zumeist russische Zivilarbeiter genannt.

 

Künsebeck am 4. April 1945

So wurde am 4. April um 8.30 Uhr der 46jährige Fabrikarbeiter Heinrich Wilhelm H., Künsebeck Nr. 7, „bei Ausschreitungen russischer Zivilarbeiter (vor der Besitzung Schröder Nr. 13) erschlagen“[1]. Zweieinviertel Stunden später auch sein Sohn Herbert Heinz. Der 22jährige starb vier Tage nach seinem ersten Hochzeitstag. Unter „Todesursache“ ist hier in der Akte C 38 des Haller Stadtarchivs vermerkt: „An den Folgen von Verletzungen bei Ausschreitungen von Zivilarbeitern verstorben.[2] Es gibt noch diesen zusätzlichen Hinweis: „auf dem Transport zum Krankenhause auf dem Gemeindewege an der Besitzung Achelpöhler, Masch Nr. 4, verstorben.“[3]

Näheres ist nicht bekannt.

 

Künsebeck am 18. April 1945

Am 18. April um 20 Uhr kam der Bauer Erich W., 42 Jahre alt, ums Leben.[4] Hierzu gibt es einen von Bürgermeister Meyer zu Hoberge angefertigten Bericht mit Datum vom 19. April, nach Angaben der Zeugen Otto K., Kurt Z. und Wilhelm S.

Demnach wurde zunächst der Hof des Nachbarn R. zum wiederholten Male überfallen. Man habe die Bande aber vertreiben können. Die Räuber seien jedoch am frühen Abend in einer Stärke von etwa 100 Personen [!] zurückgekehrt und hätten sich [wohl weil sie den R. nicht finden konnten] nun dem Nachbarhof des Bauern W. [s.o.] zugewandt. „Wir haben angesichts der Überzahl der Angreifer, die von allen Seiten kamen, versucht, uns in Sicherheit zu bringen. An ein Zurückschlagen der Ausländer war gar nicht zu denken.“ Man habe lautes Schreien und Rufen gehört, es müssten sich herzzerreißende Szenen abgespielt haben. Später habe man den W., der wohl zu flüchten versucht hätte, erschlagen aufgefunden und ins Haus getragen. Dem Arbeiter H. seien Stiche in Kopf und Rücken zugefügt worden.

Bezüglich des vorangegangenen Übergriffs auf den Bauern R. glaubt eine Zeitzeugin sich heute zu erinnern, dass der Bauer die Angreifer mit einem Spaten abzuwehren versuchte und dabei ein Russe ums Leben kam. Aktenkundig ist das nicht. Ein anderer Augenzeuge, Herbert M., damals 18 Jahre alt, schildert denselben Vorfall aus dem Gedächtnis so:

„Ich sah von der Brücke [Anm.: gemeint ist die Brücke auf dem Künsebecker Weg über den Künsebecker Bach] aus, hinter der ich mich versteckt hatte, wie sich der Bauer R. mitten auf dem Felde gegen eine Gruppe Russen [?] zur Wehr setzte, indem er einen Spaten über seinem Kopf kreisen ließ. Unser Emil hat dem R. helfen wollen, doch da sind plötzlich amerikanische Soldaten auf ihrem Jeep erschienen und die beendeten den Streit.“

Emil, das war in der Landwirtschaft des Augenzeugen (Hof Dröge, Nr. 4) mitarbeitende Franzose Emile Henriot.

Die drei Zeugen gaben dann einen zweiten Totschlag zur Niederschrift. Sie hatten am Abend noch die Leiche des beinamputierten 76jährigen Rentners Franz Heinrich Wilhelm B. „auf dem Gemeindewege vor dem Wohnhause Nr. 78“[5] entdeckt. Todesursache: „Bei Ausschreitungen russischer Zivilarbeiter erschlagen.[6] Als Verletzte werden genannt: der Bierverleger L., der Tischlermeister M. und der Bergmann F.

Unter den bisher zu beklagenden Todesopfern sind in einem Bericht vom 20. April an die Militärverwaltung außerdem aufgeführt: Hellmut N. aus Brockhagen-Patthorst und Friederike de W., Waldlager Künsebeck. Zu lesen ist ferner, die Bauern würden einige Plünderer erkannt haben, ihre Namen aber nicht nennen, aus Angst, noch stärker heimgesucht zu werden.

Rätselhaft ist die Schilderung des Todes der zehnjährigen Hanna aus Gartnisch. Sie verstarb am 20. April, 18.45 Uhr, im Haller Krankenhaus „an den Folgen eines Bauchschusses mit innerer Blutung“[7].

 

Künsebeck und Brockhagen am 1. Mai 1945

Der 1. Mai 1945 wurde zur Tragödie für vier weitere Deutsche und einen Russen. In einer Mitteilung vom 2. Mai „An den Herrn Landrat in Halle“ berichtet Bürgermeister Meyer zu Hoberge über einen Aufstand im Waldlager Künsebeck am 1. Mai, der mit aller Deutlichkeit gezeigt habe, „dass die dort wohnenden Russen alle Bauernhöfe der Umgegend ausplündern und auch die Menschen und Häuser vernichten wollen.

An Todesopfern sind zu beklagen:

  1. der Dreher Günter Gustav Karl P., Künsebeck Nr. 2,  an Stichwunden im Rücken verstorben vor dem Wohnhause Nr. 2.[8] 
  2. Oskar N., Kölkebeck Nr. 45, verstorben durch Schädeldachbruch mit Gehirnverletzung.[9]
  3. Johanne Wilhelmine B., Brockhagen Nr. 45;
  4. Frl. Marianne G., Brockhagen, vor dem Hause Nr. 144 gestorben [Todesursache lt. Sterbebescheinigung in Akte C 8: erschlagen] und ein unbekannter Russe.

Durch Brandstiftung sind betroffen: Bauernhaus B. und Wohnhaus G. in Brockhagen. In den Stallungen sind 3 Kühe und Schweine verbrannt. Verletzt und ins Krankenhaus eingeliefert wurden ferner Johann P., Frieda G., Edith H., August B. – und zwei unbekannte Russen.“

 Soweit die amtlichen Feststellungen.

Streitauslöser der damaligen Tragödie waren offenbar die hübschen Schuhe der 19jährigen Marianne. Es heißt, ein Russe hätte sie haben wollen. Es sei zu einem Handgemenge gekommen, in dessen Verlauf der Bekannte Mariannes, ein ehemaliger SS-Mann, den Russen erschossen habe. Der Kollege des toten Russen sei verletzt worden und sei ins Waldlager geflohen. Dort habe er einen Rachefeldzug organisiert und zum Ort des Vorfalls in Marsch gesetzt. Der verletzte Russe soll ausgestoßen haben: „Hundert Deutsche müssen sterben.“

In dem nun folgenden Gewaltexzess (siehe oben) wurde die junge Frau erschlagen, die Häuser angezündet, der 19jährige Günter P. erstochen, starb Wilhelmine B. durch Herzschlag nach schweren Misshandlungen mitten im Getreidefeld und wurde der 41jährige Landwirt Oskar N. beim Holzholen mit der eigenen Axt erschlagen. Dazu berichtet der damals elfjährige Neffe Werner N.: „Wir waren auf dem Weg in die Patthorst, um dort ersteigertes Holz abzuholen.“ Beide kamen nur bis Sandforth. Dort führte ihr Weg unglücklicherweise direkt in den Konflikt. Ohne zu zögern, so heißt es, riss ein Russe die Axt vom Wagen und erschlug den völlig unbeteiligten Landwirt vor den Augen des Kindes.

Irgendwann erschien US-Militär und kümmerte sich um die Toten und Verletzten.

 

Rückblick des Bürgermeisters auf die Ereignisse

Der Amtsbürgermeister Meyer zu Hoberge schreibt, der Militärverwaltung seien alle Gewaltakte ungesäumt gemeldet worden. Und weiter: „Diese traurigen Ereignisse veranlassen mich, im Namen der schwer geprüften Einwohner um sofortige wirksame Hilfe durch die Militär-Regierung zu bitten. Die deutsche Bevölkerung meines Bezirks hat sich bemüht, alle Anordnungen der Militär-Regierung zu befolgen. Die Entwaffnung der deutschen Bevölkerung ist durchgeführt. Demgegenüber verfügen die Russen noch über Schuss-, Hieb- und Stichwaffen, sodass die Bevölkerung sich selbst nicht schützen kann.“

Durch den Einmarsch der Amerikaner waren die deutschen Vertreter der öffentlichen Ordnung aus der Verantwortung entlassen und niemand zeigte sich für Schuld und Sühne im Namen der Opfer zuständig. Hatten die Amerikaner die Überfälle auf die Höfe anfangs billigend in Kauf genommen? Der Amtsbürgermeister konnte nichts tun, als die Vorfälle aufzunehmen und die Bestattung der Opfer zu genehmigen. Dieses Recht war ihm geblieben.

Erst allmählich zeigte die Präsenz der Amerikaner auf ihren Jeeps die erhoffte Wirkung. Einige US-Soldaten hatten sogar den Mut zu freiwilligen Übernachtungen auf Anwesen, die im Fokus von Plünderern standen. Ihre Anwesenheit sollte den Bewohnern das Gefühl von Sicherheit geben und die Räuber abschrecken. Das sprach sich herum und hatte Erfolg.

 

Wolfgang Kosubek − Archivrecherche, Zeitzeugeninterviews und Text

Katja Kosubek − Redaktion

Herbst 2015

Quellen:

Zeitzeuginnen aus Künsebeck, sowie ein Zeitzeuge aus Bockhorst; ergänzende Informationen steuerte ein Nachfahre aus Steinhagen-Sandforth bei; Stadtarchiv Halle (Westf.), Akte CS 129 sowie die angegebenen Akten.

 

 

[1] Stadtarchiv Halle (Westf.), Akte  C 37.

[2] Ebd. Akte  C 38.

[3] Ebd.

[4] Stadtarchiv Halle (Westf.), Akte C 81.

[5] Ebd. Akte  C 79.

[6] Ebd.

[7] Stadtarchiv Halle (Westf.), Akte C 82.

[8] Vgl. ebd. Akte C 95.

[9] Vgl. ebd. Akte C 97.