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AusstellungZeitRaum 9 Wie alles begannThemenwand 2 Wie alles begann Urkunde „Kirchentausch“ von 1246

Urkunde „Kirchentausch“ von 1246

Pergament | 1246
Staatsarchiv Osnabrück

Am 9. Mai 1246 beginnt Halles Geschichte, zumindest soweit sie schriftlich belegt werden kann. An diesem Tag wurde „ecclesiam nostram halle“, also „unsere Kirche in Halle“ zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Allerdings spielten Halle und seine Kirche darin nur eine Nebenrolle – als Tauschgegenstand.

Es tobte ein Machtkampf zwischen den Bischöfen von Osnabrück und Paderborn. Der Austragungsort war Rheda. Die Kirche in Rheda zu besitzen, war dabei strategisch wichtig. Da sie aber zum Kloster Iburg gehörte, musste etwas als Entschädigung angeboten werden: Die damals fast neue, bemerkenswerte Kirche zu Halle.

Lesen Sie hier die blutige Vorgeschichte, den Text der Urkunde sowie

… alle Details und Hintergründe

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Details und Hintergründe

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Exponat: Urkunde „Kirchentausch“ von 1246

Erste Erwähnung Halles 1246

 An einem Tag im Mai 1246 beginnt Halles Geschichte, zumindest soweit sie schriftlich belegt werden kann: Bischof Engelbert von Osnabrück vereinbarte mit dem Kloster Iburg einen strategisch wichtigen Kirchentausch, der in diesem Vertrag vom 9. Mai 1246 festgehalten wurde.

 

Vorgeschichte – Entführung und Hinrichtung

Es ging um die Macht im Lande, genauer im Herzogtum Westfalen. Um 1225 trafen hier zwei Kontrahenten aufeinander: Einer war der im Herzogtum Westfalen herrschende Graf Friedrich von Isenburg, der andere Erzbischof Engelbert von Köln, der danach strebte, seine Macht in eben diesem Herzogtum Westfalen auszudehnen und zu festigen. Der Graf organisierte eine Verschwörung gegen den Erzbischof. In deren Folge wurde der Erzbischof entführt und kam, als er heftigen Widerstand leistete, ums Leben. Friedrich von Isenburg wurde des Mordes angeklagt und in Köln hingerichtet.

Urkunde in lateinischer Sprache und Schrift auf Pergament über den Kirchentausch 1246. Engelbert von Isenburg, Bischof von Osnabrück, tauscht mit dem Kloster St. Clemens in Iburg die Kirche in Halle gegen die Kirche in Rheda. Niedersächsisches Staatsarchiv Osnabrück.

Machtkampf der Bischöfe

Im Jahr des Kirchentausches 1246 standen sich nun die Nachfolger beider Parteien gegenüber: Auf der Seite des Kölner Erzbischofes war dies der Bischof von Paderborn, Philipp Edelherr zu Lippe. Auf der Seite Herzogtums Westfalen stand der Bischof von Osnabrück, Graf Engelbert von Isenburg, ein Bruder des hingerichteten Friedrich von Isenburg. Seine Verbündeten waren unter anderem die Grafen von Ravensburg und sein Bruder Dietrich von Isenburg, der Bischof von Münster.

Simon, Bischof von Paderborn war auf Expansion seines Territoriums aus. In diesem Zuge hatte er im Frühjahr 1246 die Burg zu Rheda besetzt. Engelbert von Osnabrück verstand dies als Angriff durch einen „rücksichtslosen Feind und Gewaltherrscher“[1]. Wollte er seinen Einflussbereich dort nicht verlieren, musste er jetzt handeln. Um einen machtstrategischen Stützpunkt vor Ort zu haben, brauchte Engelbert die Kirche in Rheda mit den dazugehörigen Besitzungen und

Rechten. Diese gehörten dem Kloster St. Clemens in Iburg, das entsprechend entschädigt wurde – mit der Kirche in Halle. Diese war um 1220 gebaut worden, also noch fast neu und hatte eine beachtliche Größe! Dazu kamen kircheneigene Gebäude, Ländereien und Höfe, die den „Zehnten“ abliefern mussten, und nicht zuletzt die Menschen, die als „Eigenbehörige“ auf dem Land der Kirche lebten und es bewirtschafteten.[2]

 

Auf Nummer sicher…

Engelbert zu Osnabrück sicherte die Besitznahme der Kirche in Rheda, beziehungsweise den Kirchentausch, mehrfach ab: durch das Aufsetzen eines schriftlichen Dokumentes, durch die Benennung namhafter Zeugen, die dem Vertragsabschluss beiwohnten sowie durch eine vierfache Besiegelung des Vertrages. Er wurde mehr als sieben Jahrhunderte sehr gut verwahrt und ist bis heute erhalten.

Halle oder vielmehr „ecclesiam nostram halle“, findet also in dieser Schrift zum ersten Mal Erwähnung, wenn auch nur als Nebenschauplatz der großen Politik. Der Tauschvertrag Engelberts von Osnabrück gilt heute als „Gründungsurkunde“ der Stadt Halle in Westfalen.

Silbermünze der mittelalterlichen Währung "Denar" mit dem Konterfei des Osnabrücker Bischofs Engelbert von Isenburg, geprägt 1239-1250. Provenienz: Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig, Inv. Nr. 187/15.

Aber wie alt ist Halle wirklich?

Schon vor 3000 Jahren lebten Menschen am Laibach. Das dokumentieren Funde von Gebrauchsgegenständen.

Im frühen Mittelalter, um das Jahr 700 n. Chr. bestand (auch) eine Siedlung am Künsebecker Bach nahe der Teichstraße zwischen Künsebeck und Ascheloh. Eines ihrer Langhäuser wurde im Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen rekonstruiert und kann dort besichtigt werden.

Es  wird angenommen, dass auf dem heutigen Kirchplatz  im 10. Jahrhundert eine kleine Taufkirche gab, die vom Kirchspiel Melle aus gegründet worden war. Die Johanniskirche, wie wir sie kennen, wurde wohl um 1220 gebaut. Zur Zeit des Kirchentausch war sie also noch fast neu und hatte eine beachtliche Größe!

Die Kirche lag zwischen den Bauerschaften „Aldentorpa“ (Oldendorf) und „Gretanescha“ (Gartnisch). Oldendorf hatte eine günstige Lage an der Laibachquelle und besaß guten, lehmigen Boden. Die Gartnischer Höfe standen dagegen auf Heidesand. Etwas eingezwängt entwickelte sich in ihrer Mitte das „dorp tor halle“ mit seiner Wehrburg aus Fachwerkhäusern rund um die Kirche.

 

Der Name „Halle“ ist unverändert – woher kommt er?

Was „Halle“ bedeuten soll, ist nicht geklärt. Es findet sich in der Bezeichnung „dorp tor halle“, also „Dorf zu Halle“ oder „Dorf zur Halle“. Um 1800 hatte der Name noch einen femininen Artikel, man sagte „die Halle“ oder „Wir fahren nach der Halle“.

Dass es in Halle Salz gesiedet wurde gehörte schon um 1720 ins Reich der Legenden, wie der damalige Haller Pfarrer Johann Christoph Engelbrecht der Nachwelt berichtete. Später spekulierte man über einen größeren Hallenbau als namensgeber, etwa einen kirchlichen Wirtschaftshof oder einen überdachten Marktplatz in Kirchennähe, der zuweilen als „Halle“ bezeichnet würde. In jüngerer Vergangenheit wurde der Name als Hinweis auf eine auf eine Hanglage interpretiert: „hal“ wie in Halde oder „hilli“, mittelhochdeutsch für Hügel. Ein anderer Vorschlag war die Lage am „Hellweg“, am Handelsweg von Bielefeld nach Osnabrück.[3]

Nichts davon ist eindeutig belegt – und alle Fragen offen.

 

Die Urkunde selbst ansehen!

Eine originalgetreue Nachbildung der Kirchentausch-Urkunde hängt im Haller Rathaus I und ist dort in der Ersten Etage während der Öffnungszeiten für jedermann zu besichtigen. Zu sehen sind (auch in Halle) das Siegel Bischof Engelberts sowie das Siegel der Stadt Osnabrück. Verloren sind die Siegel des Domkapitels und des Kapitels Sankt Johann.

Auch das im Rathaus I aufgestellte Stadtmodell, das die Johanniskirche und mit ihrer Wehrburg zeigt, ist einen Besuch wert, es steht direkt neben der Urkunde.

Viel Freude beim Entdecken!

 

Der Text der Urkunde

Aus dem Lateinischen übersetzt von Rotraud Burbach:

„Engelbert, von Gottes Gnaden Bischof von Osnabrück, wünscht allen Lesern dieser Urkunde Heil in dem, der das wahre Heil aller Menschen ist. Da es eine angebrachte und nützliche Förderung ist, um jeden Irrtum und die kleinste Verdrehung auszuschließen, durch ein Schriftstück die Regelung sehr sorgfältig zu dokumentieren, die mit Lobenswerter Vorsorge zu Ruhm und Ehre Gottes und zum Nutzen der Kirche Gottes getroffen werden, wollen Wir, daß allen, den Lebenden und Zukünftigen, bekannt sei: Wir haben, da Unserer Kirche die Angriffe rücksichtsloser Feinde und die Bedrängnis durch Gewaltherrscher drohen, mit vollem Einverständnis Unseres Domkapitels, des Kapitels von St. Johann, der Ministerialen Unserer Kirche und Bürger Unserer Stadt Osnabrück nach gemeinschaftlicher Beratung, besonders um der außerordentlich großen Bedrohung, der Unsere schwer leidende Kirche und die Grenzen Unserer Diözesen ausgesetzt sind, entgegenzuarbeiten, der Kirche und dem Kloster des hl. Clemens in Iburg im Tausch Unsere Kirche Halle mit den zugehörigen Rechten und Besitzungen gegeben. Außerdem haben Wir übereignet den gesamten Groß- und Kleinzehnt im Sprengel Dissen und zum Teil im Sprengel Borgholzhausen, weiterhin den gesamten Groß- und Kleinzehnt in Haltern im Sprengel Belm mit denselben Besitzerrechten, wie Wir hatten.

Dafür haben wir erhalten die Kirche Rheda mit allen Rechten und Besitzungen; ebenso den Haupthof Rheda mit den zugehörigen Rechten und Ländereien, nämlich ‚Halvemunt‘, Beckstedde, Köntrup (?), Heerde, ebenso die Mühle neben dem Haupthof Rheda und das Gut, das Feldhus heißt; außerdem den Haupthof Hardt mit den dazugehörigen Rechten und Besitzungen, z.B. mit dem Gut ‚Calflo‘, und das Gut Dünninghaus (?).

Wir haben zuvor einen Eid auf die hochheiligen Evangelien geleistet, die genannten Güter, die demnächst zum Besitz des Bischofs gehören, niemals zu verkaufen oder zu tauschen oder auch nur ein Stück davon abzutreten. Unseren Nachfolgern geben wir auf, das ebenso zu beachten.

Damit nun der genannte Tausch festgesetzt und gegen jede Verdrehung und spitzfindige Auslegung gesichert für beide Kirchen rechtskräftig und unangetastet bleibe, haben wir zum Beweis des wahren Sachverhalts diese Urkunde zum allseitigen Schutz siegeln lassen mit Unserem Siegel, dem Siegel des Domkapitels, des Kapitels von St. Johann und der Bürger Unserer Stadt Osnabrück.

Dies geschah im Jahre des Herrn 1246, am 9. Mai, im 8. Jahre Unseres Pontofikats, in Anwesenheit der folgenden Unterzeichner: Unser Bruder Bruno, Propst; Johannes, Dekan; Arnold, Kantor; Sibodo, Heinrich von Meppen, Hugo von Havenkampe, Gerhard von ‚Faro‘, Gottfried von Oer, Bertram, Balduin, Ludger von Bissendorf, Giso, Kustos, Giselbert, Gerhard von Buer, Ernst von Beveren, Alfgrim, Helmold, Gerlach, Konrad, Siegfried, Gottschalk und andere Brüder und Kanoniker Unserer Domkirche.

Anwesend waren auch Berno, Dekan; Hermann von ‚Hustede‘, Markward, Magister Ernst, Engelbert und Frommhold, Kanoniker von St. Johann.

Die Laien Udo von Braken, Johannes von Bar, Thidericus von Hörne, Johannes von Sehlingdorf,

Alfgrim von Iburg, Otto von Odeslo, Andreas von Bentlage, Albert Buck, Rudolf von ‚Hethe‘, Johannes, Richter (Anm.: Stadtrichter von Osnabrück), Ludger von Vechta, Hermann von Visbeck, Johannes von Iburg, Johannes ‚Volcmann‘, Gerhard von Berge und sehr viele andere.“[4]

Die Siegel des Bischofs und der Stadt Osnabrück sind erhalten.

 

Die Haller St. Johanniskirche bestand ursprünglich nur aus Turm und Hauptschiff. Die Seitenschiffe wurden um 1400 und in den 1880er jahren angebaut. Foto um 1910. Stadtarchiv Halle (Westf.).

[1] Mehr zu den politischen Verstrickungen, die Engelbert zu diesem Tausch veranlassten, vgl. Uwe Heckert: Halle in Westfalen – Geschichte(n) einer Stadt am Teutoburger Wald,  Bielefeld 2005, S. 14f. Hier findet sich auch der lateinische Text der Urkunde und seine deutsche Übersetzung.

[2] Die Kirche in Halle erhielt von den Bauern den „Zehnten“ oder „Zehnt“, das heißt  jährlich 10 % ihrer Erträge, wie etwa Getreide, Vieh oder auch Wachs. Abgabetag war St. Michaelis, der 29. September

„Eigenbehörige“ waren nicht frei, sondern gehörten mit dem Boden, den sie beackerten zum Eigentum eines weltlichen oder kirchlichen Herrn. Eigenbehörige waren keine Sklaven oder Leibeigene. Sie hatten durchaus ihre Rechte, mussten aber unentgeltlich bestimmte Arbeiten für den Herrn leisten (Hand- und Spanndienste) und einen Teil ihrer Ernte abliefern. Im Unterschied dazu gab es auch freie Bauern. Die Eigenbehörigkeit in Ravensberg wurde während der französischen Besatzung (1807-1813) abgeschafft. Grundlage war Napoleons freiheitlicher „Code Civil“.

[3]  Ausführliche Überlegungen zum Namen Halle finden sich bei Heinrich Meise: Die Stadt Halle in Westfalen – Beiträge und Bilder zu ihrer Geschichte, Halle in Westfalen 1968, S. 21ff. „Halle“ genannte Marktplätze gab es Meise zufolge in Osnabrück und Wiedenbrück. Zuletzt beschäftigte sich mit dieser Frage Jürgen Udolph: Die Ortsnamen Hall, Halle, Hallein, Hallstadt und das Salz, Bielefeld 2014.

[4] Eduard Meyer zu Hoberge:  Halle (Westf.) – gestern und heute, Harsewinkel 1979,  S. 83.