Brieftagebuch zum Kriegsende

Foto s/w | 1943
Leihgabe von Familie Kahmann

„Mein lieber, geliebter Otto…“ so beginnt Anneliese Kahmann im Frühjahr 1945 ihr Brieftagebuch. Seit Monaten ist sie ohne Nachricht von ihrem Ehemann. Ob er noch lebt?

Anneliese verbringt die letzten Kriegstage bei ihren Schwiegereltern in Halle. Das bange Warten auf das Ende des Krieges, der Ostergottesdienst, während die alliierten Panzer schon in Tatenhausen stehen, die Plünderung der Kisker‘schen Schnapslager − in den niemals abgesandten Briefen an Otto schreibt sie sich die Erlebnisse von der Seele…

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Details und Hintergründe

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Exponat: Brieftagebuch zum Kriegsende

Editorische Notiz

von Dr. Uli Kahmann, Herford im Juli 2026

Dieses Tagebuch hat Anneliese Kahmann, meine Mutter, in der Zeit vom 6. Apri1 1945 (mit einem Rückblick bis zum 27. März) und dem 9. Mai 1945, also während der letzten Kriegs- und ersten Friedenstage in Halle (Westf.) geschrieben. Spätere Einträge wurden hier fortgelassen, da sie ausschließlich privater Natur sind und hauptsächlich vom Unglück des Alleinseins berichten.

Abgefasst ist das Tagebuch in Form von Briefen an ihren Mann Otto Kahmann, von dem sie seit dem 11. Februar ohne Nachricht war. Geheiratet hatten beide im Oktober 1943. Anneliese vermutete Otto im Krieg, tatsächlich befand er sich bereits in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

Das Tagebuch diente in der Zeit der Ungewissheit als Brief- und Gesprächsersatz. Geschrieben ist es in Sütterlin. Die einzelnen Tageseinträge sind im Original ohne Absätze verfaßt; diese wurden der besseren Lesbarkeit wegen redaktionell hinzugefügt. Wiedergegeben wird der Text in der originalen Orthographie. Abkürzungen wurden beibehalten und ggf. erläutert.

Anneliese Kahmann (1913-2006) war Anfang des Jahres 1945 bei ihren Schwiegereltern Hermann und Johanna Obermöller in Halle untergekommen, nachdem sie ihre Arbeitsstelle als „Fürsorgerin“ (Betriebssozialarbeiterin, zuständig für die Lehrlinge) bei der rüstungsrelevanten Firma Rautenbach in Solingen sowie ihre dortige Wohnung durch alliierte Bombenangriffe verloren hatte. In dieser Situation hatte sie eine Unterkunft bei ihren Schwiegereltern in Halle gefunden. Sie hatte zuvor eine Ausbildung als Krankenschwester in Düsseldorf-Kaiserswerth absolviert. Ihre Mutter hatte sie mit vier Jahren verloren.

Otto Kahmann (1910-1981) war, bevor er als Schirrmeister ‒ d.h. als Aufsicht über den motorisierten Fuhrparks seiner Wehrmachtseinheit im Rang eines Unteroffiziers ‒  in der Wehrmacht diente, kaufmännischer Angestellter bei der Brennerei Kisker tätig. Er gehörte der 96. Infanterie-Division an. Aus seinen fragmentarischen Erzählungen ist zu schließen, daß er am Überfall auf Frankreich, dem sog. Westfeldzug, im Juni 1940 beteiligt war. Im März 1945 geriet er in US-amerikanische Gefangenschaft. Ein Teil der Soldaten wurde an die Rote Armee übergeben; hierzu gehörte auch er. Anfang November 1946 traf er des Abends in Halle ein. Mit dem Zug war er in Bielefeld angekommen und hatte in seinem geschwächten Zustand die 15 km nach Hause zu Fuß zurückgelegt, da der Haller Willem noch nicht wieder fuhr.

Hochzeitsfoto 1943

Anneliese geb. Seinsche aus Solingen und Otto Kahmann aus Halle (Westf,) lernten sich über eine Brieffreundschaft kennen. Leihgabe von Familie Kahmann.

Johanna Obermöller, geb. Bredenbeck, war Witwe des Schneidermeisters Heinrich Kahmann, der 1915 im Ersten Weltkrieg in Sedan, Frankreich, umgekommen war. Otto war da keine fünf Jahre alt und der einzige überlebende von drei Söhnen; die beiden anderen waren im Kindesalter gestorben. Johanna hatte 1920 in zweiter Ehe Hermann Obermöller geheiratet.

Hermann Obermöller, auch er gelernter Schneidermeister, war von 1937 bis 1963, seinem Todesjahr, Küster der ev. Johanniskirche in Halle und erlebte in dieser Funktion das Ende des Krieges. Die Küsterwohnung lag in der Langen Straße 64 (damals Adolf-Hitler-Straße).

Ihr gemeinsames Kind war Else Obermöller (1921-2013), die später als Putzmacherin (heute würde man sagen: Modistin) ein Hutgeschäft in der Graebestraße betrieb und in Halle als „Tante Else“ bekannt war.

Ein herzlicher Dank geht an meine Schwester Annegret Kahmann, die die Mühe auf sich genommen hat, die schwer lesbare Schrift unserer Mutter zu transkribieren. Die Veröffentlichung des Tagebuchs erfolgte am 16. Juli 2026, dem 20. Todestag von Anneliese Kahmann.

Der Plan zeigt Halle im Jahr 1941. Gelb markiert ist der Bereich rund um das Haus Lange Straße 64, in dem Familie des Küsters Hermann Obermöller wohnte. Der Nachbar im Haus Nr. 66 war Pastor Johannes Hoensch., wie aus dem Adressbuch von 1938 zu erfahren ist.

Aufzeichnungen aus den letzten Tagen des Krieges in Halle/Westfalen

Verfasst von Anneliese Kahmann in Form von Briefen an ihren im Krieg vermissten Mann Otto

Halle, d. 6.4 1945

Mein heißgeliebter Otto!

Da ich dir nun leider nicht mehr schreiben kann, sollst du aber durch mein Tagebuch doch so etwas aus diesen ereignisreichen Tagen erfahren; ich schreibe im Briefstil, da ich mich dir so, in diesem Ton, näher verbunden fühle.

Ich will anfangen und dir nochmals meine Reise nach Solingen schildern, da du den Brief, den ich am Karfreitag schrieb, sicherlich nicht mehr erhalten hast. Mein Herz tut mir sehr weh, in Gedanken an dich, mein geliebter Mann, seit dem 11.2. nun schon keine Nachricht und nun ist unsere einzige Verbindung ganz getrennt. Wo magst du sein, wie mag es dir ergehen? Hoffentlich sorgst du dich nicht zu sehr um uns. Mein Trost ist deine Versicherung, daß du im Juli wieder bei mir bist und dann bei mir bleibst. 3 Monate erst bist du nun wieder fort und wie schrecklich viel hat sich in der Zeit geändert, daran hätten wir ja doch nicht gedacht. Wenn nur jetzt alles schnell vorbei ist, es ist ja doch alles verloren, so entsetzlich sich das anhört, daß einem das Herz brechen möchte ob all der vergeblichen Opfer.

Doch nun meine Reise nach Solingen.

Also, hier lagen ein paar Tage lang Soldaten, die vorher in Solingen lagen. Vater bekam das heraus und bat einen zum mir, um mir zu erzählen, denn du kannst dir denken, daß ich froh war, etwas von [zu] Hause zu hören, da die Post über 4 Wochen lief. Unter anderem sagte dieser Mann nun, ein älterer, 54 Jahre, daß er am nächsten Tage nach Essen und auch nach Solingen müßte, um noch Sachen zu holen. Ich entschloß mich augenblicklich, mitzufahren, obwohl die Eltern es nicht gern sahen wegen der Luftgefahr. Es war ja Tag und Nacht Alarm, besonders auch im Westen. Aber mein Heimweh war doch so sehr groß, daß ich alle Bedenken beiseite schob. Montagnacht wurde es aber noch nichts, sondern es ging sehr plötzlich dienstags mittags um 1 h, am 27.3.45, los.

Proviant für 2 Tage, 4 Eier und ein Kuchen für Erna, den Mutter mir gestiftet hatte, da Erna so über Hunger klagte, 2 leere Koffer, Decke und Klappstuhl (der aber in Brackwede schon durchbrach). Es war Gottseidank Nebelwetter, also keine Tieffliegergefahr; ein Glück. Wir kamen auch unbeschadet nach Altenessen, so gegen 8 h abends. Dort sollte der Fahrer einen Holzgaswagen für die Kompagnie abholen (Spritmangel), aber die Kompagnie war morgens nach Arnsberg ausgerückt. Nach langem Hin- und Herreden nun nach Wuppertal und Solingen gefahren. Gegen 9 h in meiner Wohnung, es war leider schon dunkel, habe dadurch von Solingen nicht viel gesehen. Aber das Haus stand noch. Wir haben das schnell aufgeladen. Kautsch, 2 Sessel, 2 Koffer voll gepackt mit Lebensmitteln und Wäsche. Vor allem auch dein liebes Bild mitgenommen und unser Lied „Heimat, deine Sterne“, was ja jetzt mein Zimmerchen hier schmückt. Nähkasten, Fußbank und das ganze Bettzeug auch noch aufgeladen. Eine Fl. Rotwein für die Soldaten ausgegeben. Dann waren wir noch schnell bei den Eltern von dem Soldaten Kirschbaum und konnten beiden Teilen die Freude machen, Nachricht zu bringen. Gegen 11 h abends waren wir dann in Sol. Kohlfurth, wo die Soldaten vorher gelegen hatten und wo noch Sachen lagerten. Die Nacht habe ich dann im Wagen auf meiner Kautsch geschlafen und habe dabei besonders lebhaft an dich gedacht, da du ja auch schon oft auf dem Auto geschlafen hast, nur natürlich ohne Kautsch und Oberbett. Morgens haben die Soldaten dann aufgeladen, ich war derweil im Stollen wegen Tieffliegern. Gegen 11 h habe ich es dann gewagt, per Straßenbahn nach Wuppertal zu fahren und war 12 ½ h bei meiner lieben Erna. Die Freude war sehr groß über das unerwartete Wiedersehen. Erzählt und erzählt, wir waren so dankbar für die kurze Stunde. Erna sah elend aus, sehr müde und abgespannt, belebte sich aber nachher. Die Natur war durch den Angriff am 13.3. stark beschädigt, das arme Ernchen tat mir so sehr leid. Keine Nachricht von den Angehörigen, kein Zuhause mehr. Nach nur 2 h mußte ich fort, Erna hat so sehr geweint, daß ich dachte, ich hätte es nicht ertragen, am liebsten wäre ich dort geblieben, aber das ging ja auch nicht.

Dann noch zu unserem Vater, der vor freudigem Schreck auch bald umfiel und auch bat, ich solle zu Hause bleiben. Aber der Wagen wollte mich um ½ 3 h mitnehmen, er kam bloß nicht. Gewartet bis um 6 h, dann zurück nach Kohlfurt. Wagen fort, also verpaßt. Wie nun zurück, mir sank aller Mut. Zugverkehr war eingestellt. Einzige Möglichkeit, per „Anhalter“. Durch Zufall von einem Wagen erfahren, der abends noch über Hagen rausfahren sollte. Leider startete er erst am anderen Tage um 15 h. Die Zeit des Wartens dazwischen war furchtbar lang. Nachtlager von Soldaten bekommen, der die Nacht Verlobung feierte und bei seiner Braut blieb; also viel Glück. Nur erst Einschlafen unmöglich, da starkes Ari [Artillerie-?] – Feuer. Morgens gehört, daß der Tommy bei Benrath zurückgeschlagen wurde. Morgens immer noch sehr heftige Schießerei zu hören, sodaß man sehr darauf drängte, endlich zu fahren.

Es fuhr noch eine Familie aus Krefeld mit, die noch nach Bayern wollte per Anhalter. Dann glatte Fahrt, in Wuppertal Vollalarm, aber weitergefahren, die Leute rasten in den Bunker. Wir fuhren weiter, es ging gut. An Verkehrsknotenpunkten Hunderte von Menschen, die mitwollten, wir waren besetzt, überladen, aber es tat mir doch oft sehr leid für die vielen Menschen, die stehen blieben. Hagen ist schrecklich zerstört, fast wie Essen. Ganz entsetzlich. Die Fahrt ging bis Menden/Sauerland, hinter Iserlohn. Wunderschöne Landschaft, nur überall das Elend auf der Landstraße. Flüchtlinge mit Sack und Pack und Kind und Kegel, oft schon tagelang unterwegs, müde, staubig, hungrig. Dazwischen lange Züge Ausländer, stumpfe Gesichter, traurige Gestalten. Und an jedem „Anhalter“ Wehrmacht und Fahrzeugkontrolle, Hunderte von Menschen, die mitwollten. In Menden kamen wir gegen 8 h an, am 29.3. Die Wagen sollten am 30. oder 31.3. weiterfahren nach Stadthagen. Ich durfte weiter mit und bekam auch Nachtquartier. Aber es dauerte mir zu lange und ich wollte mein Heil auch per Anhalter versuchen, hatte aber keine Hoffnung mitzukommen, und hätte zurück gehen können. Aber ich hatte wieder mal Glück, ¼ Std. nur warten, da kam ein Wagen nach Bielefeld, der nur 2 Personen mitnahm, ich war dabei, und ein Soldat, der nach Minden wollte. Schöner Autobus, bis auf die vielen Bombentrichter gute Fahrt, aber leider nur bis Lippstadt; Spritmangel, nirgendwo etwas zu haben trotz vieler Mühen der Fahrer. Einen letzten Versuch gemacht bis Langenberg, mitten auf der Strecke ging es nicht weiter; 2 h nachts.

Plötzlich hieß es, feindliche Panzerspitzen bis Paderborn vorgestoßen, ein schrecklicher Verkehr hub an, Wehrnacht in rasender Fahrt alles auf Bielefeld zu, wo noch frei war. Zum Teil schon Waffen und Panzerfaust weggeworfen, schrecklich wenig Sprit, alles wegen des Rückzuges, traurig, mir tat das Herz weh. Wir saßen fest, ich habe nicht mehr gerechnet nach Halle zu kommen, so kurz vor dem Ziel, es war ein trostloser Zustand. Kein Wagen hielt, der uns mitgenommen hätte, bis morgens um 9 h, dies Warten werde ich nie vergessen. Kalt und hungrig, ich hatte mein letztes Brot mit den Soldaten geteilt. Eine Blasenentzündung hatte ich schon, sehr schmerzhaft, ich war ganz apathisch von allem. Um 9 h kamen wir dann bis Wiedenbrück, 10 km weiter. Dort nach ca. 1 Std. vergeblichen Bemühens im strömenden Regen ein sehr hoher Lastwagen, der alles mitnahm Richtung Minden. Nach wenigen Kilometern plötzlich Jabobeschuß [Jabo = Jagdbomber]. In rasender Eile alles vom Wagen runter in den Graben. Durch den hohen Wagen ging es schlecht. Im Graben gute Strümpfe sehr zerrissen, ein Jammer jetzt. Der Angriff (3 Jabos) ging auf einen Personenzug, Richtung Gütersloh. Drei Wagen total zerschossen und verbeult, es ging auch hier nur haarscharf am Leben vorbei, da wir in unmittelbarer Nähe lagen. Später ging die Fahrt ohne Hindernisse weiter, Brackwede abspringen, bis Café Sport zu Fuß. Dort bekam ich nach kurzem Warten [einen] Personenwagen. Ich wäre nun aber auch zu Fuß nach Halle gegangen, so glücklich war ich, daß ich soweit war.

Alles war erlöst, mich endlich gesund wiederzusehen, die Lage war sehr kritisch geworden die paar Tage, ein Gerücht löste das andere ab. Um 12 h war ich in Halle, erst mal lecker gegessen, Reis und Reibekuchen, gründlichst gewaschen und dann geschlafen. Das war mein Karfreitag 1945.

Am Sonnabend dann Wohnung sauber gemacht und viel eingekauft, besonders Brot, das in den Steintopf kam, und alle Marken sonst ausgegeben, da der Feind bedenklich näher rückte. Die Gerüchte überstürzten sich, die Aufregung stieg stündlich. Ich habe dabei auch meine „Restmarken“, die ich für dich, mein Otto, verwahrt hatte, ausgegeben. Ich glaube jetzt, ich hätte es nicht nötig gehabt, aber ich dachte, besser die Ware als später die wertlosen Marken; alle Leute kauften. Ausgezogen haben wir uns nachts nicht mehr, jedes Geräusch weckte mich auf. Am Ostersonntag dann alle 2 Std. englische Nachrichten abgehört, dort aber auch Nachrichtensperre und nichts genaues zu erfahren, es ging wohl alles viel zu schnell. Um ½ 10 h war ich noch bei Pfarrer Hoentsch [sic] in der Kirche, er predigte sehr gut und sehr ernst; wir glaubten alle, es sei die letzte Predigt vorläufig, man horchte immer etwas nach draußen, vereinzeltes Schießen war schon immer zu hören. Der Sonntag verlief dann weiter aber ungestört, wir bekamen sogar 4 Ostereier, aber man war doch sehr nervös und aufgeregt. Hoentsch brachte auch öfters Hiobsbotschaften, die sich dann aber nicht bewahrheiteten. Die Nacht wollte ich wieder wachen, habe mich aber dann doch im Kleid hingelegt, kaum geschlafen. Abends kam noch durchs Radio ein Aufruf einer deutschen Freiheitsbewegung, der Wehrwolf [sic]; aus den besetzten Gebieten. Ich hatte mich schon so gefreut darüber, denn ich bin bestimmt urdeutsch und wäre es auch zu gern geblieben. Aber dieser Aufruf war nur ein Haß, Mord und Totschlag, damit war nichts zu retten, habe ich empfunden. Als ich das gehört hatte, habe ich laut gesagt, der Krieg ist endgültig verloren, denn das war Verzweiflung, ich fror bis ins Herz bei dem schrecklichen Gedanken an die vielen schweren Opfer, die nun alle umsonst sind. So hätte es nicht kommen dürfen und brauchen; das Leid dieses Krieges ist zu groß.

Am Ostermontag war dann noch Kirche, Vater war allein hin. Gegen 10 h kam der Soldat Kirschbaum mit der Hiobspost, die Panzer stehen in Tatenhausen. Else war gerade im Keller, sie mußte unbedingt noch mit Frau Holthaus nach Bielefeld, da nützt kein Rat von keiner Seite. Na ja, Else und Frau Holthaus fuhren trotz Warnung von Mutter und mir ab über Werther nach Bielefeld. Vater hatte abends noch gedroht, er wolle die Schläuche von Elses Rad zerschneiden, nun war er aber in der Kirche. Nun kam Frau Lange gerannt, schnell geholfen, den Boden leer räumen; soweit Bestand noch da war, alles in unseren Keller, Bettzeug und Wäsche und Koffer usw. dann noch mein Bettzeug in den Keller, Eßwaren runter, Bestecke, Radio runter. Um 11 h kommt Vater aus der Kirche, es ist schon sehr unruhig draußen, Schießerei von weitem und Gewumm.

Eier, Speck, Kartoffeln oder Kuchen waren kostbare Geschenke. Die Versorgung mit Lebensmitteln war in den Industriegebieten deutlich schlechter als im ländlichen Halle .

Als Vater hört, dass die Frauen noch nach Bielefeld sind, wird er leichenblaß und sagt, die Panzer ständen kurz vor dem Bahnhof. Man hörte es auch schon rollen. In rasender Eile noch alles zusammengepackt, was einem wert war, auch dein liebes Bild habe ich schnell mit in den Keller genommen, am letzten Schluß noch deine Uhr, sie stand auf 11.20 h, als ich sie wieder raufholte. Inzwischen hatten sich 14 Pers. Im Keller versammelt, Vater, Mutter, Hans-Georg und ich, Frau Lange mit Kind, Herr und Frau Volk und Familie Ostrop mit 6 Personen. Stühle hatten wir aus dem Gemeindeamt schnell runtergetragen. Licht brannte. In atemloser Spannung und Angst hörten wir auf das Schießen und Panzerrollen draußen, keiner wagte zu sprechen. Das Schießen kam immer näher und wurde lauter, wir dachten, Halle wird doch verteidigt. Die Gerüchte, ob Halle verteidigt werden sollte, gingen vorher immer hin und her. Der Bürgermeister war für kampflose Übergabe und hat auch recht gehabt, denn eine Verteidigung hätte bei der Übermacht und dem Vorsprung nur zur Folge gehabt, dass Halle schwer beschädigt worden wäre. So ist das Haus der Krankenkasse neben Frau Voß[1] total in Brand geschossen worden, weil da Schilder hingen wie „Mit Hitler zum Sieg“ oder so ähnlich.

Ich hatte mir in der Eile noch ein Bettuch abgerissen und stand damit in der Kellertür, fast 3 Stunden, immer bereit, es sofort hochzuhalten, falls jemand von den Engl. in unseren Keller käme.

Es waren qualvolle Stunden, besonders beängstigend wurde es, als auf unserer Straße die Schießerei anfing. Ich dachte nicht anders, als daß jedes Haus beschossen wurde. Gegen 2 h aber wurde es ruhig, man hörte nur noch die schweren Panzer rollen und plötzlich einen auf unserer Straße mit einer großen Klingel. Wir hörten ausrufen und wagten uns mal aus dem Keller. In dem Moment fährt ein Panzer hier den Weg rein bis zu Hoenschs[2] Tor, ein Soldat drauf, Maschinengewehr im Anschlag, einer geht vor, auch mit Gewehr, und dabei ein Herr vom Amt, der ausruft, Halle sei übergeben, ausgehen wäre verboten, erst am andere Morgen von 9 – 12 Uhr [erlaubt]. Die ungeheure Spannung wich etwas, die Fremden gingen in ihre Wohnungen, wir hinauf, Frau Lange mit. Mutter hatte sich nun auch etwas wegen Else beruhigt, da der Tommy uns nichts getan hatte, aber nie werde ich ihr Gejammer vergessen, als Vater ankam [und sagte], daß die Panzer am Bahnhof wären. Ich war komischerweise bei allem sehr ruhig und beruhigte Mutter auch sehr, nur als alles still wurde, da ging mein Herz so heftig, daß ich dachte, es springt, stundenlang, und meine Knie waren zittrig. Unsere Fahne hatte ich vorher noch in Windeseile verbrannt und habe dann später das weiße Bettuch an dem Fahnenmast befestigt und rausgetan. Aus allen Häusern wehten die weißen Fahnen, todestraurig. Mir kam das alles vor, als rollte das auf der Leinwand ab, es ging furchtbar schnell. Zum Mittagessen Kochen waren wir ja nun nicht gekommen und haben nur etwas Suppe gegessen, hatten aber auch keinen Hunger. Wir waren sehr froh und dankbar, nur so kurze Zeit im Keller zu sein, wir hatten mit Tagen gerechnet.

Auf die Straße wagten wir uns aber noch nicht, wir hörten es nur immerzu rollen. Die Tage vorher war noch sehr viel deutsches Militär vorbeigekommen, die auch Zivilisten auf den Wagen mitnahmen. Jetzt war alles still, seit Sonntag eigentlich schon, ein eigenartig trauriges Gefühl.

Ich habe noch vergessen zu erzählen, daß der Wagen, der mich mit zurücknehmen sollte, doch noch ankam, ich hatte ihn schon abgeschrieben. Er kam fast 24 Std. später als ich. Leider hat er aber die Kautsch und die Sessel und den Nähkasten in Obergrüne, Iserlohn, bei einer Familie Stamm stehen gelassen, da er die Sachen auf höheren Befehl nicht mitnehmen dufte. Das andere, Bettzeug usw., habe ich ja nun hier, ob ich die Kautsch usw. jemals wieder bekomme, ist wohl sehr fraglich. Ich glaube, ich habe da eine große Dummheit gemacht, hätte die Sachen besser in Solingen gelassen. Ja, wenn man alles vorher gewusst hätte; nun habe ich, wenn ich hoffentlich in Kürze nach Hause zurück kann, nichts Gemütliches mehr da. Aber nun erst mal weiter.

Also am Ostermontag konnten wir nochmal deutsche Nachrichten hören um 15 h. Um 16 h wurde die Zauberflöte von Mozart gespielt. Ach, mein Otto, wie lange ist es nun schon her, daß wir die Oper zusammen gehört haben, damals hast Du mich im Theater noch angeschnauzt, und ich war erst noch verstimmt, hatte mich aber so schnell beruhigt., daß Du es garnicht bemerkt hattest. ‒ Na jedenfalls, ich brachte die Ruhe auf, mir die Zauberflöte mit Ingeburg [?] anzuhören und lenkte mich dadurch so etwas ab. Das brennende Haus von der Innungskasse und der Brandgeruch brachten aber immer wieder deutlich ins Bewusstsein, was geschehen war. Kurz nach 17 h kam Else dann wieder an, dreckig und naß, aber Gottseidank war alles gut gegangen; sie hatten auch in Bielefeld alles erledigt.

2. April 1945 - Vorrücken amerikanischer Soldaten südlich Halle. Foto: Frank van der Veer.

Kurz darauf kam Mutter an und erzählte, bei Kisker verkauften die Engländer Schnaps. Ich sofort mit Tasche und Geld losgerannt. Dort war ein toller Betrieb und wenn ich mir das heute überlege, lebensgefährlich. Gegenüber vom Tor stand ein Tommy, Gewehr im Anschlag, im Tor dasselbe, dazwischen rollten dauernd die kl. Panzerspähwagen an, luden ein oder 2 Kisten auf und rollten wieder ab. Dazwischen sehr viele Russen und Polen, es wurde aber nicht verkauft, sondern gestohlen, und nur die Ausländer wurden von den Amerikanern reingelassen. Ich ging auch sowieso wieder, denn plündern wollte ich nicht. Inzwischen kamen aber immer mehr Menschen, auch einige Deutsche, die Schnaps kastenweise vorbeischleppten. Da ist Else nochmal hingegangen und hat auch einige Flaschen bekommen, sagte mir aber gleich dabei, sie hätte sie für Frau Holthaus geholt, da hatte ich noch nichts; und wollte gern für dich etwas aufheben. Ich wagte mich aber allein nun nicht mehr hin, es war ein richtiger Tumult entstanden, viele Ausländer waren schon betrunken und warfen sich Flaschen an den Kopf. Später haben Else und ich es nochmal gewagt, mußten aber wieder gehen, wir sahen nur Betrunkene und zerbrochene Flaschen und ausgeplünderte Räume und Schuppen. Später sind wir nochmal hingegangen und haben auch einige Flaschen Wachholder bekommen, hatten aber so ein schlechtes Gewissen dabei, daß wir sie am liebsten gleich wieder weggebracht hätten, denn es war ja gestohlen. Die Russen haben durch den Schnaps furchtbar viel Unheil angerichtet, geraubt und geplündert, was sie kriegen konnten. In Künsebeck allein 4 Menschen totgeschlagen. Um ½ 6 ging der Strom aus, die Engl[änder] hätten auf der Wertherstraße in einen Transformator geschossen, abends haben wir dann bald geschlafen, bis 9 h war es fast hell. Ausgezogen aber noch nicht, man hörte immer noch Schießerei, bis 3 h nachts. Später hörten wir, es wäre in Borgholzhausen gewesen, dort habe die S.S. sich verteidigt, viele Höfe wären abgebrannt. Um 9 h ging dann ein tolles Gerenne zu den Geschäften los, auf Abschnitt Z. 2 (?) gab es pro Kopf 1 Pfund leichtverderbliche Wurst. Habe bei Wienstrath 2 Std. angestanden, aber prima Wurst bekommen. Marken behielten Gültigkeit, wurde erzählt, schon gut, denn sonst würde es schlimm werden durch die Russen und Polen. Mutter war mit Hanna zum Milchholen, hat auch welche bekommen, war aber ganz aufgelöst, weil sie so viele Amerikaner und Schwarze gesehen hatte. Gegen ½ 11 kommt von allen Seiten das Gerücht, Halle wird doch verteidigt, bzw. wieder befreit, bei Steinhagen steht versprengte S.S., die zum Gegenstoß angetreten ist. Da wurden mir die Knie auch wieder weich und das Herz tat schmerzhafte Schläge. Wieder alles [???] in den Keller, die weiße Fahne mußte eingezogen werden und dann gesorgt und gebangt. Dazwischen gekocht und schnell gegessen, man hörte noch nichts. Wir hatten auch noch große Wäsche eingesteckt. Lust dazu hatten wir bestimmt nicht, aber ich finde, es ist in solchem Fall besser, [wenn] man beschäftigt ist, da vergeht die qualvolle Wartezeit schneller. Jedenfalls, Mutter und ich haben gewaschen, das Wasser mußte von der Pumpe in den Keller getragen werden, da noch kein Strom da war, aber das ist ja nicht weit und war halb so schlimm; gut daß die Pumpe so nahe bei ist, in Solingen mußten wir viel weiter laufen zum Wasserholen. Es blieb aber draußen soweit ruhig, nur von weitem hörte man ab und zu Schießen. Gegen 6 h waren wir soweit fertig mit der Wäsche, daß sie nur am anderen Tage noch aufgehängt werden mußte und waren froh, es geschafft schaffen zu haben. Wieder so im Halbschlaf gelegen, es blieb aber ruhig.

Ich war froh, unten […] zu können, denn oben war Else mit Frau Holthaus und Else war sehr […] und schlecht gelaunt, es war doll, es gab dauernd Krach dadurch. Ich ziehe mich ja nach Möglichkeit auf mein Zimmer zurück, ich ziehe lieber den Mantel an, ich bin lieber allein, es gibt viel Krach hier […].[3]

Es kommt auf das Reden ja nicht an, sondern auf die Taten, das sieht man ja deutlich beim Nationalsozialismus. Die haben auch dauernd von Freiheit geredet und in Wirklichkeit das deutsche Volk verraten wie nie zuvor.

Man muß es ja jetzt alles mal erst abwarten, aber ich hoffe doch auf eine Regelung in Kürze. Ein Glück ist ja, daß der Bombenkrieg für uns erst mal vorbei ist, zu lange hat man sich darauf gefreut und nun ist es so plötzlich gekommen und so ganz anders als man gedacht hatte.

14.4.43

Mein liebster Mann!

Dieses Büchlein erfaßt nun so nur meine Stimmungen und Gefühle und kleinen Sorgen. Ob Du sie jemals zu lesen bekommst? Eine große Mutlosigkeit hat mich befallen, ich war bis jetzt von allem Neuem so erregt, daß ich innerlich kaum zu mir selbst kam, aber nun kommt allmählich die Reaktion, der Groß-Kummer um Dich, mein liebster Otto. Was bedeutet alles andere dagegen?

Das Leben ist so ernst und schwer geworden durch den Krieg. Liebster, wo bist du nur? Ob Du noch lebst? Jetzt könnte ich immerzu nur weinen. Wien ist gefallen, in Ungarn kannst Du nicht mehr sein. Ich will aber die Hoffnung nicht aufgeben, das darf ich ja nicht, und tue es auch nicht. Aber dieses Ende des Krieges ist doch gräßlich. Man steht vor einer schwarzen Wand, die Ost- und die Westfront sind fast vereint, und wie geht es dann weiter? Was wird aus Euch Männern? Mein Gott, man könnte verzweifeln, man hört nichts von Euch und Eurem Schicksal. Womit hat das deutsche Volk das verdient? Warum konnten wir unser kurzes Leben nicht in Ruhe verbringen? Jetzt gehen unsere schönsten Jahre hin und es besteht keinerlei Aussicht, daß wir uns wiedersehen und zusammenleben. Sicher hast Du auch Hunger, es ist ja ein ganz großes Durcheinander überall.

Ach Otto, daran hätten wir doch nicht gedacht, als wir im Dez. und Jan. noch zusammen waren. Und doch muß ich trotz allem sagen, ich habe noch allen Grund, Gott zu danken, das Ruhrgebiet und das bergische Land, also meine Heimat, ist noch immer Kampfgebiet. Was mögen meine Lieben da ausstehen? Hier ging es doch eigentlich sehr schnell und gut vorbei und die Ernährung bzw. die Marken sind noch wie vorher auch und wir bekommen auch Ware. Bei uns [gemeint: im bergischen Land] ist Hunger, war schon vor 3 Wochen, als ich dort war, es tut mir so sehr leid für meine Lieben. Ich persönlich bin dankbar, daß ich hier sein darf. Wahrscheinlich war es auch richtig, daß die Kautsch in Iserlohn steht, in Solingen wird nicht viel bleiben. Es hat mit mir wohl damals auch alles so kommen sollen, wäre der Krach mit Nöthling[4] nicht gekommen, wäre ich so leicht nicht hergekommen. Und an diese Hoffnung, daß alles kommt, wie es gut und richtig ist, klammere ich mich auch nun insofern, daß Du mir doch wohl wiederkommst, mein Otto. Hoffentlich mußt Du nicht zu Schweres erleben, aber ich will immer so gut zu Dir sein, daß Du es auf die Dauer vergißt.

Die Brennerei Kisker an der langen Straße (seinerzeit Adolf-Hitler-Straße) wurde 1945 gestürmt und geplündert. Vorne links im "Kiskerhaus" befand sich das Feinkostgeschäft Bornemann. Leihgabe Firmenarchiv Brennerei Kisker.

Doch nun weiter von den ersten Besatzungstagen.

Ausgehzeit von 9 – 12 h, in der Zeit muß Milch gekauft werden und alles eingeholt und überall muß man lange warten, aber es geht. Ich gehe jetzt immer, da Mutter nicht gern auf die Straße geht, der Ausländer wegen.

6 Fl. Essig habe ich gekauft, da er bei Bornemann ausverkauft wurde, ein kleiner Vorrat. Das Arbeitsdienstlager auf dem Schützenberg war erst von den Russen und dann von Deutschen ganz ausgeplündert worden. Unter anderm lagerten da große Mengen Tabakballen, man sah sehr viele Leute mit Tabak kommen. Vater wollte aber nicht hin, ein wenig hatten ihm Bekannte schon abgelassen. Mittwochs nachmittags hieß es dann, es wäre nichts mehr da und ich hatte mich doch durchgerungen, mal hinzugehen. Der Zufall kam mir zu Hilfe, Tante Marta aus Ascheloh kam, die zeigte mir gerade den Weg und den Raum, wo der Tabak gewesen war. Wir sehen aber nichts mehr, nur nackte Wände. Nur in einer Ecke entdeckten wir plötzlich eine Tür, die von einer Frau ab und zu geheimnisvoll auf- und zugeschlossen wurde. Vorerst schien für mich keine Aussicht, reinzukommen, Tante Marta ging schon mal und ich wartete geduldig, bis ich mit etwas List und Dreistigkeit mit in das Zimmer kam. Dort war noch ein fast voller Ballen Tabak. Schnell soviel in die Tasche, wie reinging, noch ein kl. Paket und schnell ab nach Hause. Unterwegs immer die Angst vor den Russen, schauderhafte Menschen sind das. Aber es ging gut und Vater hat sich schrecklich gefreut. Nun gibt es keine Raucherkarte mehr, da hat er doch etwas, aber er spart auch kein bißchen, solange der Vorrat reicht, wird geraucht, aber ich habe doch etwas für dich weggetan; und so soll Vater seine Freude haben.

Anderntags habe ich dann bei Fa. Gosebrink von 9 – 12 h gestanden wegen 1 Paar Schuhe, habe auch ein Paar Salamander Schuhe bekommen, prima, aber Größe 42, später werde ich sie tauschen können. Samstag war mir noch gesagt worden, vorläufig sei an Schuhe nicht zu denken, als aber die Russen einbrachen, zeigte sich der Vorrat, da wurde dann schnell verkauft. Na ich habe ja ein Paar bekommen, von Frau Lange auch noch einen prima Wollschlüpfer und ein Paar Strümpfe und Stopfgarn. Jetzt sind alle Geschäfte von der Besatzung geschlossen, bis auf Lebensmittel; die Schaufenster vernagelt wegen der Russen, die rauben und plündern, wo sie können. Else kam eben wieder und erzählte, wie ein Rudel von so Russen ein Wohnhaus bis auf die nackten Möbel ganz leergeplündert hätten in Künsebeck. Das ist ganz gräßlich damit und dabei hat man sie[5] zwangsmäßig hergebracht und jetzt können wir uns damit rumschlagen. Arbeiten tun die nicht mehr, nur stehlen, mit Gewalt. Da wir einige Brote so bekommen hatten, ging es mit uns, die neuen Marken kommen mit 4 Tagen Verspätung erst raus.

Die Amerikaner an sich haben uns noch gar nichts getan, wir blieben sogar bisher von einer Hausdurchsuchung verschont. Manche Familien, auch Pastor Müller, haben schon einige Tage Wohnung und Haus räumen müssen, manchmal wurde viel gestohlen, oft auch nichts. Schön ist dies alles nicht, aber ein Glück ist doch, daß der Bombenkrieg für uns zu Ende ist, unter einem Zwang und im Elend haben wir ja schon lange gelebt, sodaß man wohl jetzt den Zwang gar nicht so stark empfindet. Es macht mir z.B. gar nichts aus, daß man nur von 7 – 6 h ausgehen darf. Bei uns in Solingen war es so lange durch den Bombenterror nicht möglich, abends auszugehen, man ist daran gewöhnt. Sicher, ich ginge auch mal gern ins Kino , oder machte mal einen Spaziergang bei gutem Wetter, aber schlimmer war der Alarm abends. Was nun noch kommt, bleibt abzuwarten, Gutes sicher nicht, aber schuld daran ist unsere Regierung, die uns in das größte Elend geführt hat und uns furchtbar betrogen hat.

23.4.45

Vorigen Sonntag haben wir sehr schön den Geburtstag von Frau Holthaus gefeiert mit wunderbarer Hühnersuppe und prima Kuchen, Likör und Glühwein. Es war sehr gemütlich, Frau H. ist sehr nett und angenehm im Umgang, ich unterhalte mich gern mit ihr. Sie nimmt das Leben leichter als ich und ist großzügig.

Letzte Woche haben wir wieder gewaschen und gebügelt, auch die Gardinen, die ich allein wieder aufgehängt habe. Dann habe ich zum ersten Mal gesägt, bzw. Vater dabei geholfen, es ging ganz gut, Vater sagte auch, daß es sehr leicht ginge mit mir. Diese Woche haben die Russen in Künsebeck wieder 6 Menschen totgeschlagen und sollen jetzt endlich unter Bewachung sein. Es ist auch dringend nötig, viele Höfe in Künsebeck sind bis auf den letzten Knopf ausgeplündert. Da sieht und ahnt man, was der Bolschewismus bedeutet, wenn er in Deutschland Fuß fassen könnte. Die Russen bedrohen auf offener Straße die Leute mit Messern, klauen die Fahrräder und Handtaschen. Es ist lebensgefährlich, nach Künsebeck zu gehen. Der Anführer der Bande soll ein russ. Kommissar sein, der 8 Jahre geschult wurde und der hier der Dolmetscher war.

In Deutschland sieht es toll aus, heute die Meldung, daß russische Truppen unmittelbar vor Berlin stehen und vor Hamburg, es ist ungeheuerlich, noch nie dagewesen. Man könnte verzweifeln und dann redet Goebbels noch von Sieg und Deutschland sei in wenigen Jahren schöner als je aufgebaut, es ist alles Hohn und Lug und Trug. Die Rede Goebbels diese Woche zeigte deutlich die Tendenz den Bolschewismus von Europa fernzuhalten und das ist das einzige, was ich anerkenne und als dringend notwendig einsehe.

 

6. Mai 1945

Mein heißgeliebter Otto!

Seit ich zuletzt schrieb, ist ja nun schrecklich viel passiert und meine Gedanken gehen immer nur den einen Weg, wo magst du, mein geliebter Mann, sein, wie mag es dir ergehen, wenn du diesen Sturm überhaupt überlebt hast. Manche Nächte liege ich schlaflos und suche dich. Seit dem 1.2. weiß ich nichts, habe gar keine Post nach hier bekommen, nur das, was mir von Solingen nachgesandt wurde. Aber du mußt noch da sein, mein Otto, ich habe an meinem Geburtstag [Anm.: am 2.5.] so deutlich gespürt, daß du an mich gedacht hast, nur sehr traurig warst du und ich auch in Gedanken an dich. Vorigen Sonntag hat Hoentsch eine wunderbare Predigt gehalten, die Kirche war fast bis auf den letzten Platz besetzt, so voll sah ich sie noch nie, außer Weihnachten. Es war Cantate; singt; und wir haben wunderschöne Lieder gesungen und der Organist spielte zwischendurch „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“. Ich sitze immer auf demselben Platz, auf dem wir Weihnachten saßen, und spüre dich dann oft deutlich neben mir. Wenn du erst wirklich wieder neben mir sitzt, es wird sein, als wäre ich schon im Himmel. Ach, Liebster, Gott muß und wird dich mir erhalten, ich kann ohne dich ja nicht mehr weiterleben, alles ist ja nur ein Warten auf deine Heimkehr. Und dann wird Gott uns auch ein Kindlein schenken, das glaube ich bestimmt. Mein ganzes Herz begehrt wild auf, wenn ich eine junge Mutter mit ihrem Kinderwagen sehe, ich spüre einen körperlichen und seelischen Schmerz, besonders wo man nichts von Euch Männern weiß. Aber ich klammere mich doch jetzt mit allen Fasern daran, daß du bald wiederkommst und dann bei mir bleibst, ich könnte es nicht fassen und wäre die glücklichste Frau der Welt.

Vor 14 Tagen schrieb ich noch davon, daß die Russen vor Berlin stünden, jetzt ist das große schöne Berlin nach schwerstem und schrecklichstem Kampf gefallen; und der Iwan ist dort. Der Gedanke ist so grauenhaft, die Niederlage Deutschlands so vollständig, mir kommen sofort die Tränen, wenn ich daran denke.

Mussolini ist am 28. April von ital. Freiheitskämpfern ermordet worden und seine Leiche in Mailand zur Schau gestellt worden. Das war das Ende des faschistischen Italiens. Hitler soll am 1. Mai gefallen sein, Göring soll nun um seinen Rücktritt ersucht haben und ins Ausland geflohen sein. Meine persönliche Meinung war, daß Hitler nach Berlin ging, um tatsächlich den Heldentod zu sterben, bzw. den Anschein zu erwecken. Ich hatte ihm noch soviel Anständigkeit zugetraut, daß er als Soldat mitgekämpft hätte, aber nicht mal das, er blieb in seinem Heeresbunker und hat dort mit Goebbels Selbstmord verübt. So ein erbärmlicher Feigling, führt Deutschland in den Abgrund, in eine Lage, in der es noch nie war und die wohl einmalig schrecklich ist und ein ewiges Schandmal unserer Geschichte bleibt, und tritt dann feige vor der Weltbühne ab. Wie viele anständige und ehrliche Deutsche hat er betrogen und enttäuscht, nicht zuletzt unsere Soldaten, die 6 Jahre Schwerstes erduldeten um dann jetzt die vollständige deutsche Niederlage zu erleben. Es ist kein 1918, aber es ist viel, viel schlimmer jetzt. Aber Deutschland konnte und durfte auch nicht siegen, das ist mir jetzt ganz klar, wenn ich an die Verbrechen in den Konzentrationslagern denke; mag auch der Feindsender manches übertreiben, Tatsache bleibt, daß Grauenhaftes dort geschehen ist, was uns Deutschen als ewiger Makel anhaftet. Ich selbst hatte keine Ahnung, daß es sowas überhaupt gibt und kann es auch nicht fassen, daß es deutsche Menschen gibt, die solche Grausamkeiten tun können, oder auch nur zulassen, der Gedanke allein ist ganz furchtbar. Daher habe ich auch große Angst, was uns jetzt diktiert wird und was mit unseren Kriegsgefangenen geschieht. Es zieht sich bloß alles so langsam hin, es ist ein langes Sterben Deutschlands. Am 2. Mai abends gab der englische Sender durch, daß sämtliche deutschen Truppen in Italien und Oberösterreich und Steiermark kapituliert hätten und alle Kampfhandlungen ab 4. Mai 8 h morgens ruhen. Gottseidank, nur ein [verruchter?] Dönitz, Admiral der Kriegsmarine erklärte ja am 1. Mai abends, daß Hitler den Heldentod gestorben sei und ihn zum Nachfolger, sowohl für Staat wie für Wehrmacht eingesetzt habe. Der Kampf gehe weiter und der Soldateneid, der auf den Führer geschworen sei, übertrage sich auf ihn. Wie kann das möglich sein und dazu in dieser aussichtslosen deutschen Lage? Ich war gespannt, ob die Offiziere und Soldaten das mitmachen. Er deutete zwar in seiner Rede deutlich an, daß er den Kampf gegen England und Amerika einstellen wolle, aber nicht gegen Rußland, was ich auch wiederum angesichts des schrecklichen Bolschewismus einsehen muß; wenn es nur noch möglich wäre, dagegen anzukommen für uns. Am 3. Mai mittags wurde Hamburg zur offenen Stadt erklärt, Gottseidank, so erleidet Hamburg doch nicht das gleiche Schicksal wie Bremen, das total zerstört wurde. Um 13 h verabschiedete sich der Sender Hamburg in einer geradezu erschütternden Ansprache und spielte am Schluß noch einmal das Deutschlandlied, sonst nichts. Ich war sehr ergriffen, ich liebe Deutschland, es war ein so schönes und stolzes Land und ist nun so schrecklich zugerichtet und liegt so am Boden. Am 4. Mai wurde bekannt, daß alle deutschen Truppen in Nordwestdeutschland, Dänemark, Holland und allen vorgelagerten Inseln kapituliert hätten, um kostbares deutsches Blut und Eigentum zu schonen. Es war das einzig Mögliche und Richtige. In der Lüneburger Heide wurde die Kapitulation unterzeichnet, von Admiral Friedwald [?] und General Montgomery, da bin ich auch so etwas die Sorgen um unseren Friedel und meine Schwägerin mit den Kindern los. Falls sie nun noch leben, haben sie doch etwas Ruhe. Habe gestern mittag, am 5. Mai, nochmal den deutschen Wehrmachtsbericht über den Sender Flensburg gehört. Die Kapitulation in Nordwestdeutschland wurde zugegeben, aber dabei erwähnt, der Kampf gegen den Bolschewismus geht weiter. Der engl. General nahm auch die Kap. dieser deutschen Armeen in Pommern, die gegen die Russen kämpften, nicht an, sondern sagte, sie müßten sich den Russen ergeben. Aber in Süddeutschland hätte sich auch die ganze Wehrmacht ergeben, wurde heute bekannt. Ob du, mein Otto, dabei bist und nun auch in Gefangenschaft kommst? Armer, armer Junge, wie mag es dir ergehen? Wie mag es um deine Gesundheit bestellt sein? Sicherlich habt Ihr doch große Entbehrungen gehabt und habt sie weiterhin. Nur wie lange mag es nun dauern, bis du nun wiederkommst?

 

7. Mai 1945

Liebster, heute Nacht habe ich sehr deutlich von dir geträumt. Ich hörte Schritte von Nagelschuhen um das Haus gehen und glaubte ganz bestimmt, du wärst gekommen. Ich bin sogar aufgestanden und an die Haustür gegangen. Später, als ich wieder zu Bett lag, sehr enttäuscht, weil keiner da war, fiel mir mit heißem Schrecken ein, daß es ja auch ein Ausländer gewesen sein könnte, und da erst bekam ich Angst. Vorher habe ich ganz fest geglaubt, daß nur du da gewesen sein könntest. Ob du nicht vielleicht doch auf der Wanderschaft hierher bist, meine Hoffnung ist zwar arg gering, aber man hofft ja so gern, was man so heiß ersehnt.

 

9. Mai 1945

Nun ist der Krieg vorbei, seit heute nacht 12 h ist Waffenruhe an allen Fronten, aber Deutschland mußte bedingungslos vor Engl., Amerika u. Rußland kapitulieren. Wie oft, hundertmal, ja tausendmal, hat man das Kriegsende herbeigesehnt, nun ist es soweit, aber wie enttäuscht ist das deutsche Volk, der deutsche Soldat. Alle Männer in Gefangenschaft, es ist unausdenkbar schrecklich. Wenn es jetzt bloß erst soweit wäre, daß wieder Post ginge, daß Nachricht käme, ob du noch da bist und wo du bist. Wie mag jetzt alles werden? Was wird uns diktiert, wie lange bleiben unsere Männer in Gefangenschaft? Da hat man jahrelang, monatelang davon geträumt, wenn bloß erst der Krieg vorbei wäre, dann kommen die Männer ja auch wieder, und nun, wir werden wohl noch Jahre warten müssen, bis es soweit ist. Der Gedanke bringt mich fast bis zur Verzweiflung, ich kann dies ganze Elend noch nicht ganz fassen, es ist unausdenkbar traurig. Aber ich will erst zufrieden und dankbar sein, wenn ich weiß, daß du noch lebst, wenn erst mal wieder Nachricht kommt. Hoffentlich dauert das wenigstens nicht mehr zu lange. Ich habe auch noch immer solches Heimweh, möchte so gern mal zu Erna, zu meinem Vater, aber auch das wird vorerst nicht möglich sein, Reisen sind nicht erlaubt. Es geht mir hier ja auch ganz gut, bloß habe ich keinen, der mich so recht versteht.

 

30. Mai 1945

Mein liebster, geliebter Otto!

Ich muß wieder mal meine Zuflucht zu meinem Büchlein nehmen und mich ausweinen. Seit über einer Woche schon geht hier das Gerücht, daß viele Soldaten, besonders auch aus Rußland, wiederkommen. Ich selbst habe auch schon viel gesehen und einige gesprochen. Sie kamen von Regensburg, Prag und aus Ungarn. Seitdem warten wir natürlich mit gespannter Erwartung auch auf dich, mein Otto. Manchmal glaube ich ganz fest und bestimmt, daß du bald kommst, und dann verläßt mich wieder aller Mut. So geht es aber allen jungen Frauen, mit denen ich sprach. Frau Hudt wartet genauso und wir trösten uns dann gegenseitig. Auf jeden Schritt auf der Treppe lauscht man, hundertmal schaue ich aus dem Fenster, wache nachts oft auf, obwohl du ja doch nur am Tage kommen kannst. Wenn es dann 9 h ist, (seit heute ist allerdings Ausgang bis 10 h), dann ist es für den Tag wieder aus. Mutter hat nun geträumt, du kämst am 11. Juni und Tante Frieda hat auch geträumt, daß du kämst, ob es wohl wahr wird? Dann ist sicher auch mein Heimweh plötzlich vorbei, jetzt setze ich ja noch alle Hebel in Bewegung, um wenigstens mal nach Hause zu kommen. Hatte aber gestern unerwartet Gelegenheit, Erna und meinem Vater einen Gruß zu schreiben. Der jüngste Bruder von Frau Glasmeier war von der Slowakei bis hierher gekommen und fuhr heute wieder nach Wuppertal. Ich habe mit dem jungen Mann gesprochen, er meinte, alle Soldaten aus der Ecke kämen, auch aus Ungarn, aber ich bin skeptisch.

Otto, Liebster, komm bald, in deiner Nähe ist alles besser, du fehlst mir so, bald wie die Luft zum Atmen.

Liebster, ich glaube, du bekommst dies Buch nie zu sehen, aber ich schreibe doch, ich muß meine Seele so etwas entlasten, das geht sonst nicht weiter.[6]

Die Schützenhalle auf dem Schützenberg in Halle/Westfalen

Die Schützenhalle und einige Baracken auf dem Schützenberg dienten im Zweiten Weltkrieg als Materiallager des Reichsarbeitsdienstes. Hier wurde 1945 Tabak geplündert.Foto: Stadtarchiv Halle (Westf.).

[1]           Die alte Haller Villa von Frl. Voß (Photoatelier) stand auf dem Gelände der heutigen Sparkasse.

[2]           Pastor Johannes Hoensch, wie viele seiner Nachfolger, wohnte damals in dem großen Haus neben dem alten Gemeindehaus (damals Lange Straße 6, heute Bielefelder Straße), in dem sich damals das Gemeindebüro und der Konfirmandensaal befand und in dem auch die Küsterfamilie (Annelieses Schwiegereltern) wohnte und in dem sich die geschilderten Szenen abspielen. Pastor Hoensch war Anhänger der „Deutschen Christen“ und damit Gegenspieler von Pastor Emil Nase („Bekennende Kirche“), letzter trat 1935 in den Ruhestand; ersterer wirkte von 1931 bis 1956 in Halle. Das Ehepaar Kahmann wohnte von 1953 bis 1958 in einem Pastor Hoensch gehörenden Haus in der Graebestraße 6.

[3] Es folgen weitere Sätze über das angespannte Klima im Haus der Schwiegereltern. – Daß die Schreiberin „lieber den Mantel“ anbehält, hat vermutlich damit zu tun, daß ihr Zimmer, in das sie sich zurückzieht, unbeheizt war.

[4] Nöthling hieß ihr damaliger Chef in Solingen.

[5] Die Zwangsarbeiter/innen.

[6] Es sollte noch bis November 1946 dauern, bis Otto Kahmann erschöpft und krank aus sowjetischer Gefangenschaft wieder nach Halle kam.