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Volksschule Gartnisch

Foto | 3. Januar 1959
Stadtarchiv Halle (Westf.)

Die lieben Kleinen sollten nicht bei Wind und Wetter nach Halle zur Schule laufen – das war ein Anliegen vieler Eltern in den Landgemeinden rund um Halle. Die Eltern wiederum sollten ihre Kinder zur Schule schicken – das war ein Anliegen des preußischen Staates, Schulpflicht genannt.

Mit Halles neun kleinen Dorfschulen war allen gedient. Zuletzt erhielt Gartnisch eine eigene Schule, die 1912 feierlich eröffnet wurde. Im Jahr 2024 steht dieses Schulgebäude kurz vor dem Abbruch.

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Details und Hintergründe

Halles Dorfschulen...

...und die Schule in Gartnisch

Die Bauernkinder

„Der Vater hat mich erst so spät gehen lassen…!“ – Der arme Bauernjunge aus Ascheloh hatte es bis zum Unterrichtsbeginn nicht rechtzeitig geschafft und schon tanzte der Rohrstock auf seinem Rücken. Denn der Schulmeister bestrafte jede Unpünktlichkeit.

Sie hatten es damals besonders schwer, die Bauernkinder. Vor ihnen lag bis zur Schule in der Stadt ein weiter und im Winter oft tief verschneiter Weg. Ja, und im Sommer sollten sie vor allem auf dem Hof helfen…

 

Kleine Schulgeschichte

Was Kinder für ihr Erwachsenwerden brauchten, das lernten sie früher von den Eltern. Als im Mittelalter die ersten Schulen aufkamen, wurden viele Pfarrer, Küster und Kantoren zu Erziehern. Als Nebenverdienst vermittelten sie den Kindern vor allem Bibelverse und -geschichten, aber auch ein bißchen Rechnen. Lesen und Schreiben.

Stadtkinder wie die kleine Hanna Schürmann hatten es leichter. Ihr Weg am ersten Schultag 1917 war nicht weit. Foto: Ameli Nichelmann.

Im Laufe der Jahrhunderte zog der Staat das Unterrichtswesen immer stärker an sich. Als 1871 das Kaiserreich gegründet war, wurde die „Schule für Alle“ zum Staatsziel. Unter Reichskanzler Bismarck trat 1872 ein neues Schulaufsichtsgesetz in Kraft. Jetzt wurden Lehrer in Seminaren ausgebildet und die Schulen durch Inspektoren in ihrem Wirken  regelmäßig geprüft.

 

Die Dorfschulen

Selbst die Bauerschaften bekamen jetzt eigene kleine Schulen, worin in ein oder zwei Klassenräumen mehrere Jahrgänge gleichzeitig unterrichtet wurden. Der Schule weiterhin fern zu bleiben, dafür hatten die Landkinder nun keinen Anlass mehr. So entstanden Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auch in den Ämtern des Kreises Halle zahlreiche Dorfschulen in denen bis in die 1960er Jahre hinein viele Kinder Freud und Leid‘ erlebten. Die Schulreform bedeutete 1967 das Ende der meisten Zwergschulen. Der Schulbus kam und machte die Landkinder zu Fahrschülern und -schülerinnen. Die Klassen würden allmählich kleiner und der Unterricht weniger autoritär. Am Ende waren der strenge preußische Gehorsam und auch der Rohrstock überwunden.

Wolfgang Kosubek 2024

Die Schiefertafel war der treue Begleiter aller Jungen und Mädchen. Das Läppchen zum Abwischen der Tafel baumelte unterwegs fröhlich aus dem Ranzen, um zu trocken. Diese Tafel wurde um 1960 vom Gartnischer Schulkind Martin Wiegand benutzt. Foto: Haller ZeitRäume.

Die Volksschule in Gartnisch

Wie einige Gemeinden um Halle herum gehörte auch Gartnisch dem Schulverband Halle an. Der Wunsch war aber eine eigene Schule, da den Schülern der weite Schulweg nach Halle nicht mehr zugemutet werden sollte, besonders im Winter oder bei schlechtem Wetter.

So beschloss man 1910, ein eigenes Schulgebäude zu bauen. Dafür erwarb die Gemeinde ein passend gelegenes Grundstück und übertrug dem Architekten August Schlienkamp die Bauausführung. Das Gebäude sollte die bäuerliche Architektur des Ravensberger Landes aufnehmen, ein tief gezogenes Satteldach und ein seitlicher Eingang, der an ein Deelentor erinnert.

Der Entwurf des Architekten August Schlienkamp für die Volksschule in Gartnisch. Stadtarchiv Halle (Westf.) - Sammlung Karten und Pläne.

In der Schulchronik heißt es:

„Am 28. Mai 1910 wurde beschlossen, ein Schulgebäude zu errichten, das zwei erweiterungsfähige Klassenzimmer und eine Wohnung für einen verheirateten Lehrer enthalten sollte. Als Bauplatz kam das 89,83 Ar große Grundstück der Frau Lohmüller, an dem öffentlichen Wege Halle, Gartnisch, Künsebeck gelegen, in Frage, das auch am 28. Dezember 1910 im Preise von 6000 M endgültig angekauft wurde. Der inzwischen von dem Architekten Schlienkamp, dem die Bauleitung übertragen worden war, ausgearbeitete Vorentwurf zu dem Schulneubau fand die Zustimmung der Schulvertretung unter der Bedingung, daß die ganze Wohnung für den verheirateten Lehrer unterkellert und auch eine Wohnung für den unverheirateten Lehrer, die anfangs nicht vorgesehen war, gebaut würde. Der endgültige Entwurf wurde gut geheißen und von der Königlichen Regierung genehmigt.“[1]

Schon am 31. Juli 1911 konnte das Richtfest gefeiert werden. Die Gesamtkosten der Schule beliefen sich auf 24.860 Mark. Der Bauplan sah zwei Klassenräume für je 70 Kinder vor, dazu zwei Lehrerwohnungen, unten für einen verheirateten Lehrer, oben für einen unverheirateten. Auch an eine Dachstube für ein Dienstmädchen war gedacht worden. Das Schulhaus brauchte natürlich einen Vorratskeller für die Lehrerfamilie und einen Kohlenkeller, denn die Kanonenöfen in den Klassenzimmern und Wohnstuben wurden mit Koks oder Kohle befeuert. Eine teilweise Unterkellerung reichte dafür aus, fand Architekt Schlienkamp. Im Nebengebäude sollten die Toiletten und ein Pissoir untergebracht werden.

Grundriss der Volksschule Gartnisch, angefertigt von August Schlienkamp. Stadtarchiv Halle (Westf.), Sammlung Karten und Pläne.

Für die erste Lehrerstelle wurde der Pädagoge Heinrich Bookmeyer gewählt. Die zweite Lehrerstelle bekam Wilhelm Brockmann. Am 16. April 1912 konnte die Einweihungsfeier stattfinden.

Aus der Haller Schule wurden nun 121 Mädchen und Jungen nach Gartnisch überwiesen, die man auf drei Klassen verteilte:

  • Klasse III: 1. und 2. Jahrgang
  • Klasse II : 3., 4.und 5. Jahrgang
  • Klasse I  : 6., 7. und 8. Jahrgang

Lehrer Bookmeyer blieb 35 Jahre lang an der Volksschule Gartnisch. Nicht nur Schreiben, Rechnen gehörten zum Unterricht. Heinrich Brookmeyer leitete auch Wandertage zum Hermannsdenkmal, feierte mit den Kindern den 700. Geburtstag des Minnesängers Walther von der Vogelweide, brachte ihnen die Musik Franz Schuberts nahe und erklärte den Mädchen und Jungen die Bedeutung der demokratischen Verfassung, denn in der Zeit der Weimarer Republik war der „Verfassungstag“ am 11. August ein Nationalfeiertag . Die Kleinen durften ihre Fibeln mit Buntstiften ausmalen, die Größeren nahm Bookmeyer mit zum abendlichen Fackelzug durch Halle, als Hitler 1933 am „Tag von Potsdam“ gewählter Reichskanzler wurde.

Die Volksschule Gartnisch im Januar 1959. Foto aus der Schulchronik, Stadtarchiv Halle (Westf.)

Rundfunkübertragungen der Olympischen Spiele 1936 in Berlin wurden zur Freude der Schülerinnen und Schüler gemeinsam gehört. Weniger Freude lösten kurz darauf die zahnärztlichen Untersuchungen aus – 90 % der Kinder mussten in Behandlung.

Dann begann der Zweite Weltkrieg. Aus dem Jahr 1943 berichtet die Schulchronik von evakuierten Großstadtkindern: „Durch die Umquartierung der Bielefelder nach hier stieg die Schülerzahl, wenn auch nicht erheblich. Im Jahre 1943 begannen die feindlichen Fliegerangriffe häufiger zu werden. Da die Schule keinen Luftschutzkeller besitzt, so wurden die Schüler bei Fliegeralarm sofort entlassen. Es wurde ihnen geraten einzeln und so schnell wie möglich nach Hause zu gehen. Nach der Entwarnung wurde der Unterricht fortgesetzt. Da die Sommerferien infolge der Kohlenknappheit auf 18 Tage herabgesetzt wurden, so wurden die Weihnachtsferien entsprechend verlängert, vom 18.12.43 bis 17.1.1944.“

Lesefibel in "Sütterlin", geschrieben und bunt ausgemalt von Irmgard Heitmann 1937. .

Nach Kriegsende 1945 fand monatelang kein Unterricht statt. Da eine zweite Lehrkraft fehlte, nahm Lehrer Bookmeyer noch einmal den Unterricht auf. „Sämtliche nationalsozialistischen Bilder, Lehrmittel und Lehrbücher wurden vernichtet. Schulbücher gab es vorläufig noch nicht.“ schrieb er in die Schulchronik. Die mageren Nachkriegsjahre ergriffen auch Gartnisch: „Große Sorge bereitete auch die Beschaffung von Heizmaterial. Holz konnte für die Schule nicht aufgetrieben werden, und als es endlich geschlagen war, wurde es aus dem Berge gestohlen. Bei der großen Kälte (vom 15. Dezember – 15. März) fehlte es den Schülern, besonders den Flüchtlingskindern, an der nötigen Kleidung und an Schuhen, so daß es ihnen nicht immer möglich war, die Schule zu besuchen.“

Mangel an Schulbüchern ohne NS-Ideologie: Diese Fibel wurde von Albert Buck für seinen kleinen Sohn Jörg geschrieben und gemalt. Leihgabe aus Privatbesitz.

Im Jahr 1959 erlebte das Schulgebäude seinen ersten großen Umbau. So wurde beispielsweise der Eingang von der Trauf- an die an die Stirnseite des Gebäudes verlegt.

Wachsende Schülerzahlen führten um 1970 zu einem ersten Neubau – gleich nebenan. Das alte Schulgebäude diente nun als Vorschule und später den Angeboten der offenen Ganztagsbetreuung. Veränderte Bedarfe, wie etwa eine Mensa, und die Notwendigkeit Energie zu sparen, führten zu einem weiteren Neubau auf dem Gelände. Aktuell (im Februar 2024) drängen sich drei Schulgebäude – jedes aus einer anderen Ära, auf kleinstem Raum.

Doch der Abbruch der alten Schule von 1912 ist beschlossen.

Martin Wiegand und Katja Kosubek 2024

Mit Dank an Jörg Steffen.

Der Haupteingang der Volksschule in Gartnisch am 3. Januar 1959, eingeklebt in die Schulchronik.Mit Bedauern sieht der Chonist der Verlegung des Eingangs an die Stirnseite des Schulhauses entgegen. Schulchonik im Stadtarchiv Halle (Westf.)

Entlassfeier 1959, Pressefoto aus der Schulchronik, Stadtarchiv Halle (Westf.)

[1] Vgl. Bestand Schulchroniken im Stadtarchiv Halle (Westf.)