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ZeitRaum 6 Volldampf voraus!Themenwand Dampfmaschinen & Fabriken Bindfadenfabrik Hackmann

Bindfadenfabrik Hackmann

Foto | 1930-1955
Stadtarchiv Halle (Westf.)

Die Schlote qualmten in Halle, welches sich zu einer kleinen Industriestadt entwickelte. In der Seilerei und Bindfadenfabrik Hackmann, gelegen an der Chaussee nach Bielefeld, stampfte ab 1861 die Dampfmaschine. Von der Takelage für stolze Segelschiffe bis hin zu Wurstschnüren für westfälische Fleischwaren reichte die Produktpalette – Grundlage für das alles war Hanf.

Die Fabrik gehörte zu Halles größten Arbeitgebern, schon 12-jährige standen an den Maschinen. Wie ein Pflegekind in die Firmenleitung hinein wuchs und wie die Fabrik durch zwei Weltkriege manövrierte, erfahren Sie unter

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Taue für Segelschiffe…

 Seilerei und Bindfadenfabrik Hackmann

Von der Takelage für stolze Segelschiffe bis hin zu Wurstschnüren für Rolffs westfälische Spezialitäten reichte die Produktpalette der Seilerei und Bindfadenfabrik Hackmann. Sie gehörte 130 Jahre lang zu Halles größten Arbeitgebern, überlebte zwei Weltkriege und drei politische Systeme…

Es begann mit Johann Heinrich Hackmann, der mit Kolonialwaren und Seilen aller Art handelte, und mit seiner Idee: Warum nicht Seile und Garne selbst herstellen?

Kein Ort war dafür günstiger als Halle, dessen Exportartikel Nr. 1 seit Jahrzehnten das Leinen- und Hanfgarn war. Schon 1767 hatte es in Halle drei Seiler gegeben. Sie trugen die damalige Berufsbezeichnung „Reipschläger“ sogar noch als Familiennamen.

Statt des üblichen Kleingewerbes auf eigene Rechnung schwebte Hackmann eine Manufakur mit mehreren Angestellten vor. Im Jahr 1840 war es soweit: Am Standort Lange Straße konnte das erste Garn gesponnen werden.

Schon vier Jahre später wurde der Weg nach Bielefeld zur Chaussee ausgebaut, was den Transport der Waren erleichterte. Mit der Cöln-Mindener Eisenbahn ging es seit 1847 ab Bielefeld „zügig“ weiter. Über die Schiene kam auch die Ruhrkohle nach Ravensberg.

Nur ein Jahr später als die Tabakfabrik Kisker bekam auch Hackmanns florierendes Unternehmen 1861 eine Dampfmaschine. Im Jahr 1875 waren 30 Arbeiterinnen und Arbeiter in der Fabrik beschäftigt, darunter acht Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren.[1]

Die stattliche Villa Hackmann (Villa Buskühl) in den Jahren 1930-1960. Stadtarchiv Halle (Westf.).

Johann Heinrich Hackmann und seine Frau Elise hatten keine eigenen Kinder – Elises Schwester, die in Hiddenhausen mit einen Lehrer Buskühl verheiratet war, dafür gleich sechs. Gottlieb, der Zweitälteste, wurde dazu ausersehen, später die Fabrik in Halle zu übernehmen. Onkel und Tante nahmen ihn 1856, als Vierzehnjährigen, „an Kindes statt“ an. Für eine exzellente Ausbildung war gesorgt: Gottlieb besuchte ein Internat in Osnabrück, vergleichbar mit einer internationalen Schule. Mitschüler aus aller Welt trugen sich in sein Poesiealbum ein.[2]

Gottlieb Buskühl wurde 1879 der neue Chef der Bindfadenfabrik Hackmann – der Name des Firmengründers blieb erhalten – und nach ihm sein Sohn Karl. In den 70 Jahren ihres Wirkens wuchs die Bindfadenfabrik auf 60-100 Beschäftigte.[3]

Die Voraussetzungen waren glänzend: Durch die Gründung des Deutschen Reiches wurde der Handel erleichtert und Halle bekam 1886 sogar einen Eisenbahnanschluss. Über Arbeitsbedingungen der Frauen und Männer in der Produktion ist wenig bekannt. In der Sheddachhalle, die hinter der „Hackmann’schen Villa“ lag, wird es durch die Hanffasern extrem staubig und durch die Maschinen sicher sehr laut gewesen sein. Auch Samstags wurde selbstverständlich gearbeitet.

Gottlieb Buskühl. Portraitfoto um 1900. Schenkung von Jörg Buskühl.

Der Zweite Weltkrieg machte die Seilerei zum „Kriegswichtigen Betrieb“. Sechs Zwangsarbeiter und acht -arbeiterinnen waren hier beschäftigt. Gegen Kriegsende wurden auch hier noch einmal alle Kräfte mobilisiert: Der Geschäftsführer hielt eine eindringliche Rede „An unsere Gefolgschaft“.[4] Er mahnte zu einer strikten Einhaltung der Arbeitszeit und zu voller Arbeitsleistung „ohne unnötige Schwätzereien“. Die Arbeiterinnen und Arbeiter sollten „Bummelanten“ in ihren Reihen unter Druck setzen – im eigenen Interesse. Andernfalls drohe eine Heraufsetzung der Arbeitszeit auf 56 (!) Wochenstunden.

Den Übergang in die junge Bundesrepublik schaffte die Bindfadenfabrik zunächst problemlos. Auch die Umstellung von reinen Naturfasern auf Kunstfaserbeimischungen wurde 1959 angegangen. Doch Ende der 1960er Jahre begannen die Länder, aus denen Hackmann traditionell die Rohstoffe importierte, vornehmlich Jugoslawien, selbst Seilereiwaren herzustellen – und das zu wesentlich niedrigeren Preisen. So musste Friedrich Heisler, als letzter Prokurist der „Spinnerei und Bindfadenfabrik Halle/Westfalen J.H. Hackmann“, den Betrieb 1970 stilllegen.

Anfang der 1980er Jahre diente ein Teil der Fabrik als alternatives Jugendzentrum. Schließlich wurden Villa und Produktionsgebäude abgebrochen. Heute steht die Volksbank auf dem Gelände an der Langen Straße 45.

Haben Sie Erinnerungen oder weitere Objekte zur Bindfadenfabik? Waren sie in der Zeit des Jugendzentrums dabei? Dann melden Sie sich gern! Kontakt…

Katja Kosubek 2015

Manuskript "An die Gefolgschaft". Bindfadenfabrik Hackmann in Halle Westfalen. Schenkung von Sebastian Kaestner.

[1] Uwe Heckert: Halle in Westfalen – Geschichte(n) einer Stadt am Teutoburger Wald, Bielefeld 2005, S. 75.

[2] Gespräch mit dem Urenkel Gottlieb Buskühls, Dr. Jörg Buskühl, am 31. August 2015.
[3] Heckert, S 75.
[4] Das hier zitierte und abgebildete Redemanuskript aus der Zeitdes Nationalsozialismus ist eine Schenkung von Sebastian Kaestner und befindet sich heute im Stadtarchiv Halle (Westf.).