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AusstellungZeitRaum 3 NationalsozialismusThemenwand Unter Zwang Gestapo-Hinrichtungen im Waldlager

Gestapo-Hinrichtungen im Waldlager

Stein | 26. März 1945
Stadt Halle/Westfalen

In einem Massengrab auf dem Haller Friedhof an der Alleestraße wurden am 26. März 1945, nach Einbruch der Dunkelheit, „7 russische Staatsangehörige“ beigesetzt.

Auf Veranlassung der Gestapo Bielefeld starben sie am Nachmittag im „Waldlager Künsebeck“ − unterstützt durch Haller Beamte.

Nur eine Woche rollten amerikanische Panzer in Halle ein. Für die sieben Russen kamen die Amerikaner zu spät. Im Stadtarchiv Halle (Westf.) findet sich der Bericht eines Tatbeteiligten. Was darin über die Hinrichtungen zu erfahren ist, finden Sie unter…

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Exponat: Gestapo-Hinrichtungen im Waldlager

Gestapo-Hinrichtungen im Waldlager Künsebeck

Auf Veranlassung der Gestapo Bielefeld starben am 26. März 1945 im „Waldlager Künsebeck“ sieben russische Staatsangehörige am Galgen − nur eine Woche vor dem Einrollen amerikanischer Panzer in Halle. Für die sieben Russen kamen sie zu spät.

In der Akte CS 132 im Stadtarchiv Halle (Westf.) ist der Fall protokolliert. Er belegt die Unbarmherzigkeit der Gestapo und die Machtlosigkeit oder die Willfährigkeit der Zivilverwaltung gegenüber den Organen des NS-Staates.[1]

 

Bericht eines Augenzeugen

Den Hergang der Ereignisse beschreibt ein beteiligter Augenzeuge, der als „Wachtmeister der Gendarmerie der Reserve“ im Waldlager eingesetzt war. Der Bericht des Wachtmeisters trägt das Datum vom 18. November 1946. Er ist überschrieben mit den Worten: „Über die Hinrichtungen der Gestapo im ehemaligen Waldlager in Künsebeck.“. Warum und für wen der Bericht geschrieben wurde, ist nicht bekannt.[2]

Der Wachtmeister erinnert sich, dass an jenem Morgen Wilhelm Pützer, ein leitender Gestapo-Beamter aus Bielefeld, im Waldlager erschien.[3] Der Wachtmeister führte den Besucher ins Büro des stellvertretenden Lagerführers. Hier kündigte Pützer die Ankunft von sieben Russen an, die im Lager erhängt werden würden.

Es ist nicht bekannt, wer die Gefangenen waren und was ihnen zur Last gelegt wurde. Auf die Frage, warum man die Exekutionen im Waldlager Künsebeck vornehmen wolle, erhielt der Wachtmeister keine Antwort. Stattdessen wurde er nach Halle geschickt, um dort das Begraben der Leichen vorzubereiten.

Bevor er in Künsebeck aufbrach, konnte er vom „Fernsprecher im Waldlager“ das Vorhaben nach Halle melden. Er informierte das Landratsamt, den Gendarmerie-Oberleutnant im Landratsamt und die Polizeiverwaltung in Halle.

Schließlich forderte der Wachtmeister noch einige Helfer für das Ausheben eines „Massengrabes für sieben Personen“ und erhielt vom stellvertretenden Lagerleiter „vier Russen“. In Halle angekommen erklärte der Wachtmeister dem Friedhofswärter den Auftrag. Auf dem Friedhof II (Alleestraße, damals „Straße der SA“) wurde eine Stelle festgelegt und die vier Männer begannen mit dem Schaufeln der Grube.

Gegen 16 Uhr kam der Wachtmeister ins Waldlager zurück und sah, „dass drei Russen aus einem Keller gefesselt über den Hof geführt wurden“, begleitet von drei Haller Gendarmeriebeamten und sieben Gestapoangehörigen. Vier russische Männer lagen bereits tot nahe der Richtstätte. Es ist davon auszugehen, dass in Gegenwart dieser Leute und des Wachtmeisters nun auch die drei weiteren Gefangenen erhängt wurden. Ob es bei der Hinrichtung weitere Zeugen gab, ist unbekannt.

Bei Einbruch der Dunkelheit wurden die sieben Leichen auf einen LKW der Firma Dürkopp geladen, nach Halle gebracht und ohne Sarg auf Friedhof II vergraben.

 

Nachbetrachtung

Am 2. April 1945 eroberten amerikanische Truppen Halle/Westfalen. Die etwa 1.300 Menschen im sogenannten „Waldlager“ − mehrheitlich Frauen, einige mit Kindern − wurden befreit. Am 4. April kam es in Künsebeck zu Racheakten durch die ehemaligen Gefangenen.

Der leitende Gestapo-Beamte Wilhelm Pützer entzog sich seiner Verantwortung am 17. April 1945 in Gütersloh durch Freitod.[4]

Heute erinnert ein Stein mit der Aufschrift „7 unbekannte russische Staatsangehörige“ an die Erhängten und ihr Massengrab auf dem Friedhof II an der Alleestraße in Halle.

Nachforschungen zu diesem Fall beim Kreisarchiv Gütersloh, den Landesarchiven Detmold, Münster und Duisburg sowie beim Bundesarchiv, Zweigstelle Ludwigsburg, haben keine weiteren Erkenntnisse gebracht. So muss die Frage, wer die sieben Russen waren und warum sie umgebracht wurden, unbeantwortet bleiben.

Wolfgang Kosubek im März 2016

Gedenkstein auf Friedhof II an der Alleestraße. Foto: W. Kosubek.

[1]    Alle folgenden Zitate sind dem genannten Bericht vom 18. November 1946 in der Akte CS 132, Stadtarchiv Halle (Westf.) entnommen. Es handelt sich hierbei wohlgemerkt um die Erinnerungen eines Tatbeteiligten.

[2]    In der gleichen Akte gibt es mit dem Datum 4. Mai 1945 ein „An den Herrn Landrat in Halle (Westf.)“ adressiertes Maschinenschreiben mit dem Betreff „Hinrichtungen durch die Gestapo beim Waldlager in Künsebeck‘. Unterzeichner: „Der Amtsbürgerm. M.“. Es handelt sich um ein Anschreiben von Bürgermeister  Meyer zu Hoberge, dem der Bericht des Wachtmeisters (oder ein gleichlautender, denn die Datierungen passen nicht zueinander) wohl beigegeben war.

[3]    Das Zwangsarbeiterlager “Waldlager Künsebeck“ war den Dürkoppwerken angeschlossen.

Wilhelm Pützer (1893-1945) war bei der Bielefelder Außenstelle der Gestapo Münster als Kriminalobersekretär zuständig seit 1941 für die Deportation von vornehmlich jüdischen Bürgern in die Vernichtungslager. Seine Amtsbezeichung lautete „Leiter des Judenreferats der Amtsstelle Bielefeld“, Siekerwall 9. Über seine Arbeit ist wenig bekannt. Keine der Deportationslisten, die er zusammengestellt hat, ist überliefert. Nach Auskunft des Stadtarchivs Bielefeld sind alle Bielefelder Gestapo-Akten vernichtet worden.

[4]    Die Namen der übrigen, mittelbar oder unmittelbar Tatbeteiligten sind der Akte CS 132 im Stadtarchiv Halle (Westf.) zu entnehmen. Aus Rücksicht auf die in Halle lebenden Nachfahren, die damals noch Kinder waren, wurden diese Namen hier nicht genannt. Die Willfährigkeit Haller Bürger und Beamter gegenüber der Gestapo wird dennoch deutlich.