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AusstellungZeitRaum 3 NationalsozialismusThemenwand Der Alltag HJ Eggeberg

HJ Eggeberg

Foto | um 1936
Leihgabe von Wolfgang Modersohn

Die „Pimpfe“ der Eggeberger HJ sind vor der Dorfschule angetreten. Die stolz präsentierte Fahne wurde von einer ihrer Mütter genäht. Gerade auf dem Dorf hatten Kinder und Jugendliche das Gefühl, durch HJ und BDM sei endlich etwas los. Für die gebotenen Abenteuer nahmen viele das soldatische Exzerzieren in Kauf. Warum allerdings der Gottestdienst gestört werden sollte, erschoss sich den meisten nicht.

Zwei damalige Eggeberger Jungs, Erwin Ellerbrake und Fritz Weßling, erinnern sich…

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Details und Hintergründe

Das Reich der HJ - Kaffeemühle und Kiskers Bogen

Wir waren manipulierbar in jeder Hinsicht…

Im Folgenden wird gezeigt, was Haller Kinder an HJ und BDM faszinierte und wie sie als Instrument nationalsozialistischen Terrors eingesetzt wurden.[1]

Allgemeines

Halles NSDAP-Jugend, also HJ und Jungvolk sowie Jungmädel, BDM und das BDM-Werk „Glaube und Schönheit“, gehörte zum Bann 158 (Bielefeld-Halle).[2] Wie im gesamten Deutschen Reich war der Samstag „Staatsjugendtag“. HJ-Mitglieder hatten an diesem Tag „Dienst“, alle anderen mussten zur Schule erscheinen. In der Haller Volksschule fand samstags kein regulärer Unterricht statt, sondern eher eine Beaufsichtigung der jüngeren durch ältere Schülerinnen und Schüler.[3] Diese Regelung galt bis 1936, als der HJ-Dienst verpflichtend wurde.

Das Haller HJ-Heim befand sich im so genannten Clubhaus im Hof des Hotels Deutsches Haus, heute Lange Straße 43a. Das Jungvolk hatte seine Räume im Haus Kiskers Bogen, einem der Wahrzeichen im Herzen der Stadt. Ein Malermeister hatte es 1934 unentgeltlich hergerichtet. BDM und Jungmädel trafen sich in einem kleinen Sandsteingebäude im Hof des Amtsgerichtes.

Exerziert wurde unter anderem auf dem Schulhof der Volksschule an der Bismarckstraße und auf dem Kirchplatz. Der Teutoburger Wald bot sich für Geländespiele an, die Osning-Kampfbahn für den Sport.

Begeisterung

„Der Nationalsozialismus war schlimm, entsetzlich. Aber für mich als Jungen war das eine ganz tolle Zeit. Von der HJ war ich begeistert…“[4] Die Hitlerjugend und ebenso dessen Unterorganisation, der Bund deutscher Mädel, begeisterte wohl die Mehrheit der deutschen Jungen und Mädchen – nicht anders in Halle. Hier wurde eine Möglichkeit geboten, aus der engen Welt der Kindheit hinauszutreten und an etwas teilzuhaben, das groß und wesentlich war.

Dem entsprechend hoch waren der Idealismus und die Einsatzbereitschaft der „HJ-Generation“.  „Viele machten da gerne mit“, stimmen zwei damalige Jungs aus Eggeberg zu „endlich mal vernünftige Klamotten, in denen man nicht so aussah wie… und was die für Sachen machten!“[5] Was machten die in Halle für Sachen?

BDM und HJ boten Kindern und Jugendlichen eine eigene Welt ohne Einmischung und Bevormundung durch Erwachsene. Hier erlebten sie Gemeinschaft, bei der Spaß und Abenteuer geboten wurden. Ob das gemeinsame Singen oder das Basteln von Segelflugzeugen – es war immer etwas los! Als politisch wurde dies selten empfunden.

An der Kaffeemühle oder in Gartnisch fanden Geländespiele statt. Bei den Kriegsspielen gab es zwei Mannschaften, die je ein rotes oder blaues Band am Oberarm trugen.

Sport war eine Leidenschaft vieler Jugendlicher und machte die HJ ausgesprochen attraktiv – auch für jene, deren Eltern dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden. Leistungsabzeichen in Sport und Schießübungen weckten den jugendlichen Ehrgeiz.

Interessant waren für viele die „Aufstiegschancen“ innerhalb von  HJ und BDM.

In den Gruppen gab es immer einen gewissen Gestaltungsspielraum, der gerne genutzt wurde, um ein wenig Individualität einzubringen und Anerkennung zu bekommen, etwa durch die Gründung einer Musik-HJ innerhalb der Ortsgruppe.

Exerzieren machte manchen Jungen und auch Mädchen Spaß. Das Exerzieren fand vorzugsweise am Sonntagmorgen um halb 10 auf dem Kirchplatz statt, um den Gottesdienst zu stören. Dies wiederum hatte den Reiz des Antibürgerlichen und Verbotenen.

Zukunftsträume konnten gelebt werden. Ausbildungen an technischem Gerät und rasanten Fahrzeugen waren vor allem für Jungs hochspannend. Es Halle gab es beispielsweise eine Motor-HJ und eine Flieger-HJ.

Ein wesentlicher Anziehungspunkt der NSDAP-Jugendorganisation war es, als Jugend ernst und wichtig genommen zu werden. Jeglicher Einsatz der Kinder – vom Heilkräuter sammeln bis zum Socken stricken – geschah für nichts Geringeres als „für Deutschland“. Die HJ marschierte bei Parteiaufzügen gleichberechtigt mit. Die Feuerwehr bezog sie in Brandschutzübungen ein.

Die Macht gegenüber jenen Erwachsenen, die im Namen der NSDAP und mit dem Wohlwollen ihrer Führer drangsaliert werden durften, wird ebenfalls nicht wenige Jugendliche gereizt haben. 

Werkzeuge der NSDAP

Über HJ und BDM wurden Kinder und Jugendliche vom NS-Regime politisch instrumentalisiert. Zu folgenden Gelegenheiten wurden die uniformierten Kinder als Druckmittel und Drohkulisse der NSDAP in Halle benutzt:

Kinder fungierten unwissentlich als Spitzel und Denunzianten innerhalb der eigenen Familie. Auch in Halle waren Erwachsene mit regimekritischen Äußerungen extrem vorsichtig, wenn Kinder in der Nähe waren, da diese das Gehörte unbedacht weitertragen konnten.[6]

Das Sammeln war eine wesentliche Aufgabe der Kinder. Mit dem Sammeln von Heilkräutern, Altmetall und ähnlichen Produkten unterstützten sie in gewisser Weise die Volkswirtschaft. Daneben wurde regelmäßig für verschiedenste Anlässe Geld gesammelt, in erster Linie für das Winterhilfswerk und den so genannten Eintopfsonntag[7]. Anhand der von den Kindern geführten Listen hatte die Ortsgruppenleitung die Kontrolle über die „Opferfreudigkeit“ – gleichgesetzt mit Linientreue – der Hallerinnen und Haller. Wer den „freiwilligen Beitrag“ wiederholt verweigerte, geriet ins Visier der Gestapo, wie ein sozialdemokratischer Haller Maurer, der daraufhin über Jahre observiert wurde.[8]

Das Exerzieren der HJ während des Gottesdienstes auf dem Kirchplatz diente der kirchenfeindlichen und antibürgerlichen NSDAP dazu, die Gläubigen und „Spießer“[9] zu kompromittieren und ihre Macht gegenüber der Kirche zu demonstrieren.

NSDAP-Ortsgruppenleiter Dr. Georg Krause warnte den Stadtrat im Januar 1937 vor der Zerstörung des vermeintlich freimaurerischen Hagedorn-Denkmals durch „unbesonnene Jugendliche“, wenn dies nicht offiziell abgerissen würde. Eindeutig drohte er, die HJ dazu anzustiften bzw. als Werkzeug zu benutzen, um diesen NSDAP-Antrag im Stadtrat durchzusetzen. In diesem Fall blieb es bei einer Drohung.

Mit einem lautstarken Marsch der HJ durch die Haller Innenstadt wurde am Wahlsonntag 1938 um 7 Uhr „geweckt“. Keine Bürgerin und kein Bürger sollte einen Vorwand finden, nicht bis mittags gewählt zu haben, wie es die NSDAP forderte.[10]

Kurz vor Kriegsende mussten zwei elfjährige „Pimpfe“ im Keller der NSDAP-Geschäftsstelle belastende Akten verbrennen.

Nicht zuletzt wurden die Haller Kinder bereits vom Kindergartenalter an im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie indoktriniert. Ein Lehrer der Volksschule referierte schon 1934 öffentlich über die „Judenfrage“, und 1937 besuchte die Mittelschule klassenweise die Ausstellung „Rasse und Erbgut im deutschen Volk“ im Saal Hollmann. Die NS-Jugendorganisationen bereiteten die Haller Kinder auf die ihnen zugedachten Funktionen in Hitlers Staat vor. So legte die HJ, beseelt vom NS-Totenkult und dem Nimbus des heldenhaften Sterbens, den „Langemarckstein“ nahe der Kaffeemühle nieder.[11]  Und dies sind nur einige Beispiele.

Ernüchterung

„Wir haben daran geglaubt. Wir sind damit in den Krieg gezogen und haben das noch immer geglaubt…“, blickt ein damals 19jähriger Haller zurück. Nicht glauben konnte die HJ-Generation „was man hinterher gehört hat.“[12]

Für viele war der Abschied von der tiefen nationalsozialistischen Überzeugung ein Abschied von allen unbefangenen und positiven Erlebnissen Ihrer Kindheit und Jugend. Als beim Einmarsch der Amerikaner überall in der Stadt belastendes Material vernichtet wurde, versank für sie weit mehr als nur die HJ-Uniform in der Jauchegrube.

Wenn Sie mehr zum Thema BDM und HJ in Halle berichten können, melden Sie sich gern!

 

Haller ZeitRäume, Bahnhofstraße 17, 33790 Halle/Westfalen

Tel. 05201/183-256 (samstags 10-12 Uhr), post@haller-zeitraeume.de

 

Hitlerjunge aus Eggerberg eingeschlafen mit seinem Jungvolk-Wimpel im Arm.

Ein „Pimpf“ 1934, eingeschlafen mit seinen Heiligtümern: der Reichsflagge und der von seiner Mutter genähten HJ-Fahne. Foto: Modersohn.

 

[1] Das einleitende Zitat stammt aus einem Zeitzeugengespräch mit einem damaligen Hitlerjungen (*1930).

[2] Die NS-Jugendorganisationen waren Jungvolk: Jungen 10-14 Jahre auch Pimpfe genannt, HJ: Jungen ab 14 Jahre, Jungmädel: 10-14 Jahre, BDM: Mädchen ab 14 Jahre. Das BDM-Werk „Glaube und Schönheit richtete sich an unverheiratete junge Frauen ab 18 Jahren. Der Wechsel der 14jährigen  Jungen und Mädchen in die Gruppe der Älteren korrespondierte mit anderen Ereignissen im Lebenslauf. Mit 14 Jahren fand traditionell der Eintritt ins junge Erwachsenenleben statt: Schulabgang, Konfirmation, Ausbildungsbeginn.

[3] Zeitzeugengespräch mit Lore Bolte (*1923).

[4] Zeitzeugengespräch mit einem damaligen Hitlerjungen (*1926).

[5] Zeitzeugengespräch mit Erwin Ellerbrake (*1928) und Fritz Weßling (*1932).

[6] In den Haller ZeitRäumen ist dazu das Zeitzeugengespräch zu „Bürgermeister Ellerbrake zu hören“.

[7] Statt des Bratens sollte an diesen Sonntagen Eintopf gegessen und das dadurch eingesparte Haushaltsgeld gespendet werden.

[8] Vgl. Stadtarchiv Halle/Westfalen: Akte CS 7, Neuordnung der politischen Polizei.

[9] Dieser Begriff gehörte besonders in der so genannten „NS-Kampfzeit“ vor 1933 zum national-sozialistischen Vokabular.

[10] Mehr dazu ist in den HallerZeitRäumen unter „Wahl 1938“ zu finden.

[11] Mehr dazu in den HallerZeitRäumen unter „Chronologie NS“ und Ausstellungsstück „Langemarckstein“.

[12] Zeitzeugengespräch mit einem damaligen jungen Soldaten (*1926).