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Kriegsauftrag Dürkoppwerke

Akte (Papier, Karton) | um 1942
Leihgabe des Historischen Museums Bielefeld

Rüstungsstandort wurde Halle ab 1942. Das Oberkommando des Heeres erteilte der Bielefelder Dürkopp AG den Auftrag zum Bau der größten Produktionsstätte für 3,7 cm Flakgeschütze im Deutschen Reich. In dieser Akte ist die gesamte Planung dokunentiert.

Das Zweigwerk wurde im „bombensicheren“ Künsebeck gebaut und durch 6 Flaktürme geschützt. Eine Scheinanlage im nahen Teutoburger Wald sollte Feindflugzeuge irreführen. Die Schwerstarbeit im Werk wurde von Zwangsarbeitern geleistet, die gleich nebenan im „Waldlager“ untergebracht wurden…

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Exponat: Kriegsauftrag Dürkoppwerke

Halle als Rüstungsstandort

Allgemeines

In Halle-Künsebeck entstand ab 1941 die reichsweit größte Produktionsstätte für 3,7 cm Flugabwehrkanonen (Flak). Den geheimen Kriegsauftrag erhielt die Dürkoppwerke AG Bielefeld vom Oberkommando des Heeres.[1] Das Reichsministerium für Bewaffnung und Muni-tion[2], zuständig für den Nachschubapparat der Wehrmacht, finanzierte und kontrollierte den Bau der Anlage.

Die Ansiedlung eines weiteren Rüstungsbetrie-bes im bombenbedrohten Bielefeld schien aus nicht ratsam. So wurde Künsebeck als sicherer Standort mit Bahnanschluss gewählt. Die Stadt Halle erklärte sich einverstanden. Spätestens im Frühjahr 1943 nahm das Werk seinen Betrieb auf.[3]

Angeschlossen war das sogenannte „Waldlager“, eine Barackenunterkunft für zuletzt mehr als 1.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

Bau und Ausstattung

Für den Bau des Rüstungsbetriebes benötigte die Dürkoppwerke AG ein 350.000 m2 großes Gelände in Künsebeck. Es wurden Grundstücke von insgesamt 20 Einzelbesitzern angekauft, unter ihnen mehrere Bauern, die sich zunächst weigerten, ihre Erbhöfe aufzugeben.

Als Entschädigung erhielten die Besitzer von insgesamt acht abgebrochenen Häusern Neubauten an anderer Stelle. Diese entwarf der namhafte Haller Architekt Schlienkamp.

Das Werk sollte aus vier Hallen bestehen, von denen wegen Geldmangels zunächst nur drei gebaut wurden. Die Bauarbeiten übernahm die Organisation Todt, die staatliche Bauorganisation für militärische Anlagen. Zum Einsatz kamen innerhalb der OT zunächst freiwillige ausländische Arbeiter, ab 1942 auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Für die Bauarbeiten in Künsebeck waren 300 belgische Bauarbeiter der OT Belgier vorgesehen. Ihre Zahl sollte zwischenzeitlich auf 600 aufgestockt werden.

Es kam zu Gerüchten, das Bauvorhaben sei ins Stocken geraten. Schließlich entschied Adolf Hitler persönlich, dass die Rüstungsproduktion in Künsebeck „mit allen Kräften vorzuziehen“ sei, „Ein Einsatz von Kriegsgefangenen kann bei Bedarf berücksichtigt werden.“[4]

Das Projekt wurde um 106% teurer als veranschlagt und kostete schließlich 9,5 Millionen Reichsmark.

Sicherheit vor Bombenangriffen

Sechs eigene Flaktürme schützten den kriegswichtigen Betrieb vor Fliegerangriffen. Allein dafür mussten je 24.000 RM aufgebracht werden.

Zusätzlich gab es bereits seit Juni 1940 eine Tarnanlage im nahegelegenen Steinbruch des Bauern Delbrügge (auf Amshausener Gebiet, im Volksmund „die Tarnung“ genannt). Diese sollte als Scheinziel für feindliche Bombergeschwader von wichtigen Industriebetrieben ablenken. Errichtet war die nachts beleuchtete Anlage ursprünglich zum Schutz der Ruhrstahl AG in Brackwede. [5] Im Betrieb gab es Luftschutzkeller, die so zentral lagen, dass Arbeiterinnen und Arbeiter erst unmittelbar vor Beginn eines Fliegerangriffs ihre Arbeit unterbrechen mussten.

Zwangsarbeit in der Produktion

Die ausländischen Zivilarbeiterinnen und -arbeiter, die hier Schwerstarbeit leisteten, stammten hauptsächlich aus der Ukraine, von wo sie, nicht selten mitsamt ihren Kindern, verschleppt worden waren. Sie waren im angeschlossenen Zwangsarbeiterlager untergebracht, das sich etwas versteckt in einem Kiefernwald befand. Eine der Baracken war Familien vorbehalten. Gegen Kriegsende lebten 291 Kinder in diesem „Waldlager“. Während die Erwachsenen in der Flakproduktion arbeiteten, beaufsichtigten die älteren die jüngeren Kinder. Die mangelhafte Ernährung bestand vornehmlich in Mehlsuppen und Steckrüben. Man kann davon ausgehen, dass alle Menschen im Lager stark unterernährt waren. Erkältungskrankheiten waren verbreitet, Lungenentzündungen eine der häufigsten Todesursachen.

Da in der Produktion belgische Facharbeiter, die man erwartet hatte, ausblieben, wurden einige so genannte „Ostarbeiter“ umgeschult und entsprechend qualifiziert eingesetzt.

Der Kontakt zu den Meistern wurde von ehemaligen Zwangsarbeitern als weitgehend gut beschrieben. Einige jedoch waren als „Russenschinder“ bekannt. Nach der Befreiung im April 1945 kam es offenbar nicht ohne Grund zur Verfolgung dieser Personen durch Gruppen von Zwangsarbeitern. In Künsebeck wurden aus Rache mindestens zwei Einheimische gezielt aufgesucht und getötet.

Nach 1945

Der vom Deutschen Reich finanzierte Produktionsstandort Künsebeck ging nach 1945 in den Besitz der Dürkopp AG über.

 

[1] Vgl. Dürkopp-Archiv im Historischen Museum Bielefeld: Akte Produktionsstätte Künsebeck bei Halle/i. Diese Akte ist die Grundlage des vorliegenden Textes.

[2] Das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition wurde bis Februar 1942 von Fritz Todt geleitet, anschließend übernahm Albert Speer dieses Amt.

[3] Dazu finden sich unstimmige Datierungen in der betreffenden Akte des Dürkopparchivs. Vgl. Dürkopp-Archiv im Historischen Museum Bielefeld: Akte Produktionsstätte Künsebeck bei Halle/i..

[4] Vgl. Dürkopp-Archiv im Historischen Museum Bielefeld: Akte Produktionsstätte Künsebeck bei Halle/i. Schreiben des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition an das Heereswaffenamt vom 6. Januar 1942.

[5] Vgl. Stadtarchiv Halle/Westfalen: Akte CS 103, Scheinanlagen. Sowie Zeitzeugengespräch mit Karl Wagemann im Sommer 2010.