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Ziegenbutterzentrifuge

Glas, Metalle, Holz (Eigenbau) | um 1930
Leihgabe von Elfriede Nikoleizig

„Ohne Farbstoff sah die ganz käsig aus!“ – gemeint ist die Ziegenbutter, die Auguste Kahmann in dieser Zentrifuge im Handbetrieb butterte. Als „Kuh der kleinen Leute“ lebten Ziegen überall in Halles langen Gärten. In den vielen Notzeiten des 20. Jahrhunderts waren die Selbstversorgergärten ein Segen, besonders in den Jahren nach 1945. Man baute „mit Stall“ – so auch die Kahmanns am Lotkampsweg in Gartnisch. Bei genauem Hinsehen kann man die Ställe dort heute noch entdecken. Erfahren Sie hier…

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Details und Hintergründe

Selbstversorgung in Halle und Gartnisch

in den Mangel- und Notzeiten des 20. Jahrhunderts

In den vielen Notjahren des 20. Jahrhunderts war das eigene Stück Gartenland ein Segen. Gemüse, Kaninchen, Hühner, eine oder zwei Ziegen und vielleicht sogar ein Schwein sicherten die Existenz. Nicht zuletzt unter dem Eindruck des Ernährungsnotstandes im Ersten Weltkrieg und der nachfolgenden Inflation baute man „mit Stall“ – so auch Heinrich und Auguste Kahmann 1927 am Lotkampsweg in Gartnisch.
Bei genauem Hinsehen lassen sich die Ställe, die jeweils mit einem kleinen Spitzdach ans Haus gebaut wurden, dort heute noch erkennen.

Typische Wohnsiedlung am Lothkamp in: 50 Jahre Geflügelzüchter- und Gartenbauverein Halle in Westfalen 1958, S. 43

Typische Wohnsiedlung am Lothkamp in: 50 Jahre Geflügelzüchter- und Gartenbauverein Halle in Westfalen 1958, S. 43

Sich in Gartenbau- oder Kleintierzuchtvereinen zu organisieren war daher weniger Liebhaberei als geldwerter Vorteil. Denn hier wurden Schulungen und Lichtbildvorträge angeboten, beispielsweise durch Lehrkräfte der Landwirtschaftsschule, oder der Tierarzt gab bei Vereinssitzungen nützliche Tipps. Auch gegenseitiges Helfen und Aushelfen machte die Mitgliedschaft attraktiv. Im Jahr 1927 schlossen sich der Gartenbauverein Gartnisch und der Geflügelzuchtverein Halle zusammen, letzterer mit den Abteilungen Ziegenzucht und Imkerei.[1] Dies war praktisch, denn die meisten Mitglieder, so auch die Kahmanns, hatten sowohl einen Nutzgarten als auch Kleintierhaltung und interessierten sich nicht nur für einen Bereich. Gemeinsam strebte man nun nach größtmöglicher Wirtschaftlichkeit. Denn nicht nur der eigene Kochtopf sollte gefüllt werden, sondern auch die Haushaltskasse durch den Verkauf von Überschüssen.

Ab 1933 wurde die Selbstversorgung im Rahmen nationalsozialistischer Autarkiebestrebungen gefördert. In diesem Jahr feierte der Geflügelzüchterverein auf dem Schützenberg sein 25jähriges Bestehen und wurde, schon sehr im Duktus des Nationalsozialismus, gewürdigt. Im Vordergrund stand neben der Gesunderhaltung der Familie nun auch die Unabhängigkeit vom Ausland, etwa durch die „traditionelle Geflügelzucht“[2]. 120 Mitglieder standen damals „in fester Front“ im Verein und als „Getreue“ mit „westfälischer Zähigkeit“ hinter ihren „bewährten Führern“.[3]

In den Kriegsjahren hatte Auguste Kahmann mit ihren Ziegen und ihrer Butterkunst gute Erfolge. Bei der „Landesbutterprüfung der Ziegenzüchter Westfalens“ wurde ihre Butter 1941 als die beste ausgezeichnet.
Heinrich Kahmann bekam 1944 eine Einberufung zur Flakabwehr. Seine elfjährige Tochter Elfriede vertrat ihn in den letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren. „Ich zog mit der Sense los,“ erzählt sie „denn wir hatten ein Stück Wiese am Hang über der Osterkuhle. Da habe ich gemäht, damit die Ziege was hatte.“ Auch im Verein übernahm sie kleine Aufgaben: „Ich bin zum Beispiel mit so einem großen Portemonnaie von Haus zu Haus gegangen und habe Butterfarbe verkauft.“[4]

Ziegenbutterzentrifuge, Glas, Metalle, Holz (Eigenbau), um 1930, Leihgabe von Elfriede Nikoleizig

Ziegenbutterzentrifuge 1930er Jahre, Leihgabe von Elfriede Nikoleizig

In der Nachkriegszeit trat die heimische Selbstversorgung dem „Hungergespenst“[5] entgegen, sprich der Welternährungskrise. Auf jedem Stück Land wurde angebaut. Der Gartenbau- und Geflügelzüchterverein erlebte einen Zuwachs auf 200 Mitglieder. Die Gärtnereien im Kreis Halle stellten von Schnittblumen auf Gemüsestecklinge und Sämereien um. Eine bescheidene Nutztierhaltung sorgte für Eiweiß und das begehrte Fett. Allerdings wurde die Selbstversorgung auf die Lebensmittelzuteilung angerechnet. Familien mit größeren Erträgen waren abgabepflichtig. „Liefert pünktlich die Eier ab!“[6] –so oder ähnlich mahnte die Freie Presse gelegentlich. Bei Nichterfüllung des Abgabesolls konnte beispielsweise die Zuckerzuteilung gestrichen werden. Täglich fanden in Halle Lebensmitteldiebstähle statt: In Oldendorf nahm sich ein Einbrecher einen Sack Roggen und eine Flasche Steinhäger, einem Hörster Bauern fehlten 10 Hühner, in Künsebeck ging der Kartoffelklau um. Städter kamen zum „hamstern“ auf die Höfe. Es kursierten Ersatz-Rezepte wie „Scharbocksspinat“ oder „Gierschsuppe“. Und noch immer hatten die Flüchtlingstransporte in den Kreis Halle kein Ende. Man sah die Notwendigkeit, den Neubürgern eine „Wohnmöglichkeit mit Ernährungsbasis“[7] zu schaffen. Aber wie?

Im Zeichen des Mangels beantragte auch Familie Voß eine Baugenehmigung für einen „kleinen Stall“ am Schlammpatt 44.[8] Im Mai 1946 erlaubte die Kreisverwaltung Halle den Bau, wobei das „Stallhäuschen“ 2,50 m Abstand zum Nachbargrundstück haben musste. Zwei Schweine und ebenso viele Schafe zogen auf diesem Wege in die Wohnsiedlung ein. Und weil sich der Sonntag auch in der kargen Zeit von den Werktagen abheben sollte, pflanzte Frieda Voß dort jedes Jahr drei Reihen Spargel…

Bauschein für die Herstellung eine kleinen Stalles 1946, Leihgabe von Wolfgang Voß.

Bauschein für die Herstellung eine kleinen Stalles 1946, Leihgabe von Wolfgang Voß.

Die 1950er Jahre schufen allmählich Vertrauen in die Wirtschaft und in eine gesicherte Lebensmittelversorgung. Zuerst wurden Schweine und Ziegen abgeschafft. Ställe wurden zu Garagen. Auch der Anbau von Kartoffeln und Gemüse im Hausgarten nahm langsam ab. Rasenflächen wurden eingesät, auf denen allenfalls die Teppichstange stand. Die Mitgliederzahl des Gartenbau- und Gemüsezüchtervereins sank ab 1958 allmählich und erreichte 1971 den zweistelligen Bereich. Im eigenen Garten konnte sich allein das Obst behaupten und wurde bis in die 1970er Jahre fleißig eingekocht. In späteren Jahren füllten Johannis- und Stachelbeeren die riesigen Kühltruhen im Keller.

Die Geschichte von Kahmanns Ziegenhaltung endet erst 1966: Auguste Kahmann trennte sich von ihrem letzten, ebenso bockigen wie anhänglichen Tier und stellte die Zentrifuge endgültig ins Kellerregal.

[1] Der „Geflügelzuchtverein Ravensberg“ Gartnisch bei Halle war 1908 gegründet worden, der Garten-bauverein 1921. Auch in letzterem gaben Gartnischer den Ton an.
[2] Geflügelzüchter- und Gartenbauverein Halle in Westfalen (Hg.): 50 Jahre – Geflügelzüchter- und Gartenbauverein Halle in Westfalen, Halle in Westfalen (Meyer & Beckmann) 1958, S. 14f.
[3] Ebd.
[4] Zeitzeugeninterview mit Elfriede Nikoleizig, geb. Kahmann im September 2010.
[5] Freie Presse, Nr. 1/3 vom 10. April 1946.
[6] Ebd.
[7] Freie Presse Nr. 1/6 vom 20. April 1946.
[8] Baugenehmigung von 1946 für einen Stall am Schammpatt 44, Privatbesitz von Wolfgang Voss.