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ZeitRaum 3 NationalsozialismusThemenwand Der Alltag Eintrittskarte Arminia-Schalke 04

Eintrittskarte Arminia-Schalke 04

Papier, bedruckt | 27. August 1939
Haller ZeitRäume

Ein Fußball-Großkampf in Halle! Voller Vorfreude sah man der Einweihung der neuen Osning-Kampfbahn am letzten Sonntag im August entgegen – und vor allem dem Spitzenspiel Schalke 04 gegen die Besten aus Arminia und VfB Bielefeld.

Doch die Gelsenkirchener sollten den grünen Haller Rasen nie betreten… Der Zweite Weltkrieg warf seine dunklen Schatten voraus. Nur wenige Tage später brauchten die Haller statt Eintrittskarten Lebensmittelmarken.

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Exponat: Eintrittskarte Arminia-Schalke 04

Eine böse Sonntagsüberraschung – Bezugsscheine statt Schalke 04

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs in Halle/Westfalen

Von Thomas Weigle

Der August 1939 war ein Sommer wie aus dem Bilderbuch. Auch in Halle, wo man sich besonders auf den letzten Augustsonntag freute, denn an diesem stand die Einweihung  der neuen „Osning-Kampfbahn“ an, gleich neben dem Freibad. Hoher Besuch hatte sich angesagt: Der erste „Großdeutsche Fußballmeister Schalke 04“ (9:0 gegen Vienna Wien) sollte gegen eine Kombination Arminia/VfB Bielefeld in Bestbesetzung antreten, also auch mit dem berühmten Innensturm Szepan-Kalwitzki-Kuzorra.

Doch die Schalker haben den Haller Rasen niemals betreten – das Spitzenspiel fiel aus. Die kommenden Ereignisse warfen in Halle ihre schwarzen Schatten voraus.

Am Montag, den 28. August brachte das Haller Kreisblatt nur eine kurze Notiz, die Veranstaltung sei „von der Verwaltung und der Führung der SA“[1] abgesagt worden.

 

Vorboten des Krieges

Schon lange zuvor ließ das Kriegsgeschrei der von Propagandaminister Goebbels gelenkten Presse ahnen, was kommen würde. Der Freitag nach dem ausgefallenen Fußballspiel, der 1. September 1939 wurde der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg begann.

Die Gefahr war deutlich geworden, als am 22. August bei der Reichsbahn ein sogenannter Notfahrplan für das gesamte Reich den regulären Fahrplan ersetzte: Verkehr von Dieseltriebzügen eingestellt, Schnellzüge fielen aus, Fahrzeiten wurden verlängert.[2]. Auch der Fahrplan des Haller Willem wurde ausgedünnt: nur vier Züge täglich nach Bielefeld, drei nach Osnabrück und einer nach Dissen blieben übrig.

Ein trügerischer Hoffnungsschimmer ergab sich am 24. August, als Hitler und Stalin den deutsch-sowjetischen Angriffspakt unterzeichneten.

Die Stimmung im Land schilderte der Berliner Journalist Fritz Sänger: „Das Volk hat das Gefühl: Nun gibt es keinen Krieg und wenn doch, so ist er ungefährlich.“[3]

Statt zur Sportplatzweihe mit dem mehrfachen „Deutschmeister“, wie das damals hieß, mussten die Haller Bürger, wie überall im Reich, an jenem letzten Augustsonntag zu den Ausgabestellen für Bezugsscheine eilen.

 

Kriegsvorbereitungen im Amt Halle

Die Ausgabe von entsprechenden Marken im „Mob-Fall“ (Mobilisierungsfall) war im Amt Halle bereits seit langem vorbereitet worden. Der damalige Landrat Emil Lewecke erklärte bereits am 18. Januar 1938: „Die Bezugsscheine sind zu Paketen für die einzelnen Verteilbezirke verpackt und im Tresor der Kreissparkasse in versiegelten Holzkisten aufbewahrt.“[4] Es war klar, dass die Nazis sehr viel intensiver auch den Krieg an der Heimatfront planten, als es die kaiserliche Regierung vor dem Ersten Weltkrieg getan hatte.

Die Lebensmittelkarten waren bei der Bielefelder Firma Gundlach unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen gedruckt worden.[5] Verständlich, waren sie doch so wertvoll wie Geld und wurden im Laufe des Krieges immer wertvoller, denn das nationalsozialistische Regime hatte schon 1933 die Notenpresse angeworfen, die umlaufende Geldsumme stieg in den 12 Jahren von unter vier Milliarden auf um die 75 Milliarden im Jahr 1945.

Diese  geldwerten  Bezugsscheine also, so berichtete das Haller Kreisblatt am folgenden Montag auf der Lokalseite Halle „wurden an alle Verbraucher im Heimatkreis […] ausgegeben. Um eine gerechte Verteilung lebenswichtiger Verbrauchsgüter an alle Verbraucher sicherzustellen, ist für gewisse Lebensmittel, ferner für Seife und Hausbrandkohle sowie lebenswichtige Tuchstoff- und Schuhwaren eine allgemeine Bezugsscheinpflicht eingeführt worden. […] Für Lebensmittel, Seife und Hausbrandkohle werden zunächst besondere Ausweiskarten mit einer Gültigkeitsdauer von 4 Wochen ausgegeben.“[6]

Unter anderem wurden pro Woche zugeteilt: 700g Fleisch, 280g Zucker, 63g  Kaffee (Ersatzmittel), 20 g Tee, 0,2 l Milch pro Tag sowie 0,33 l Milch für Kinder bis sechs Jahre, werdende und stillende Mütter. Ausgenommen waren vorerst Eier, Kakao, Brot, Weizenmehl, Roggenmehl und Kartoffeln.

Weniger oder gar keine Zuteilungen erhielten „Selbstversorger“, wie etwa Bauern, und „Teilselbstversorger“, die vielleicht eine Ziege, ein Schwein und einen Gemüsegarten hatten.

 

Die Ernährung ist sicher!

Die Rationierungsmaßnahmen sorgten bei der ländlichen Bevölkerung für Unmut, zu stark war noch die Erinnerung an die katastrophale Ernährungssituation während des Ersten Weltkriegs und danach. Die Stimmung verschlechterte sich noch, als „die Höfe Tiere und Fahrzeuge zur Verfügung stellen mussten.“[7].  Nur ausgewählte Personen und solche, die nachweisen konnten, dass sie ihre Fahrzeuge beruflich brauchten, durften weiterhin fahren, „bekamen aber nur geringe Mengen Kraftstoff zugeteilt.“[8]

Im Haller Kreisblatt war dagegen am 30. August zu lesen, dass in Sachen Ernährung keinerlei Grund zur Sorge bestehe, so sei die Vorratslage seit 1933 jedes Jahr besser geworden; im Vergleich zu 1938 habe man 800.000 Stück Rindvieh und 3.000.000 Schweine mehr. Dennoch wurde zum sparsamen Umgang mit Lebensmitteln aufgerufen: „Daher liegt es nun an der deutschen Hausfrau, daß sie in selbstverständlichster Pflichterfüllung, gerade in diesen Tagen, da ihre Männer und Söhne vom Vaterland gebraucht werden, ihren Frontabschnitt verteidigt.“[9] Gewisse Schwierigkeiten bei der Verteilung würden bald überwunden sein, so dass „der Welt die unerschütterliche Entschlossenheit des deutschen Volkes bekundet wird, Selbstdisziplin und Einsatzbereitschaft bis zum letzten zu beweisen.“[10]

Einen Tag später wird Reichsbauernführer Walther Darré zitiert: „Deutschlands Ernährung ist gesichert […]. Das Deutsche Volk hat bei der Ernte Schicksalsgemeinschaft gezeigt.“[11]  Auch sei die Kartoffelernte gut gewesen, da es im Juli reichlich geregnet habe, so der Reichsbauernführer.

 

Organisation des Kriegsalltags

In Sachen „Heimatfront“ warnte das Haller Kreisblatt, jetzt richte sich die „Aufmerksamkeit auf etwa auftauchende Schleichhandelsgelüste und Korruption, denn gegen Volksschädlinge werde eisern durchgegriffen. […] Auch müßte für die Mannen der Partei  weiterhin die tätige Hilfe für das Bauerntum im Vordergrund stehen.“ Erneut weist die Zeitung auf die Wichtigkeit „gewissenhafter Arbeit bei der Ernte“[12] hin. Am Tag darauf,  den 1. September 1939, als die Wehrmacht ohne Kriegserklärung Polen überfällt, berichtet das Haller Kreisblatt auf der Lokalseite über die gute Flachsernte im Kreis, so sei das Soll von 35 Hektar überschritten worden.

Am 3. September wurde bekannt gemacht, dass eine Familienunterstützung beantragt werden könne, wenn der Ernährer seinen Gestellungsbefehl erhielt und in den Krieg musste.

Auch einen Tag später stand die Organisation des Kriegsalltags im Fokus des Haller Kreisblattes. „In Werther und Versmold stehen die Ortsgruppen der NSDAP in besonderen Fällen zur Hilfe bereit.“ Es wurde zudem darauf hingewiesen, dass für Warmwasseranlagen „die Hälfte der nach der Ausweiskarte zuständigen Hausbrandkohle für Wasch-und Kochzwecke“ zur Verfügung stand.[13]

Am  12. September notiert die Zeitung „Ströme der Hilfe“ durch die weibliche Jugend, „die in den Pflichtjahrarbeitslagern Sandforth und Bockhorst untergebracht“ ist. Auch „die kleine Gruppe des Landdienstes der Hitlerjugend“ helfe selbstverständlich bei der Ernte, die mittlerweile weitgehend eingebracht sei. Da vielen Menschen damals noch der „Steckrübenwinter 1916/17“ in Erinnerung ist, lesen wir einen Tag später, eine Verknappung bei Kartoffeln sei nicht zu befürchten. Von den 50,8 Millionen Tonnen im Durchschnitt der letzten drei Jahre seien nur 13 Millionen Tonnen für Speisezwecke verwandt worden. Auch an anderen Abschnitten waren Erfolge zu vermelden. So herrsche „Hochbetrieb in den heimischen Süßmostereien, denn „flüssiges Obst ist gesund, teilt das Hauptamt für Volksgesundheit der NSDAP mit.“[14]

 

Wo gibt’s was – und wieviel?

Einen Tag später wird über das „Hamstern“, also das Anlegen größerer Vorräte, gespottet. Insbesondere geht es um Brot: „Diese bedauernswerten weiblichen Hamsterer. Da laufen sie von Laden zu Laden, schleppen sich krumm und lahm an ihren Broten und wundern sich nicht einmal, daß die Bäcker nicht ihre Läden schließen, denn das Brot will einfach nicht alle werden. Wenn man diesen bedauernswerten Zeitgenossen sagen würde, Rizinus würde knapp, auf Ehre, sie würden sich die Hacken danach ablaufen. Diese weiblichen Hamsterer sind wie Hyänen. Immer auf der Lauer auf Beute. […] Die Hauptsache, sie sind eingedeckt […] Zoologisch gesehen ist der Hamster ein Nagetier – im Falle des Brotes wenigstens ist der Hamsterer ein Narr.“[15]

Die Lebensmittelzuteilungen waren – sehr deutsch – bis aufs halbe Gramm festgelegt worden, wie der Blick auf die „Reichsfettkarte“ veröffentlicht am Montag, den 25. September 1939 im Haller Kreisblatt zeigt. Fünf Personengruppen sind benannt.[16]

Normalverbraucher bekommt in der Woche

I               80g Butter,

II             125g Margarine oder Pflanzen-oder Kunstspeisefett oder Speiseöl

III            65g Schweineschmalz oder Speck oder Talg

IV            62,5g Käse oder 125g Quark

 

Schwerarbeiter

I               80g Butter

II              187,5g Margarine,usw

III            125g Schweineschmalz, usw.

IV            62,5g Käse oder 125g Quark

 

Schwerstarbeiter

I   80g Butter

II 250g Margarine, usw.

III 410g Schweineschmalz, usw.

IV 62,5g Käse oder 125g Quark

 

Kinder von 1-6 Jahren

I   80g Butter

II 62,5g Käse oder 125g Quark

 

Kinder von 6-14 Jahren

I   80g  Butter

II 125g Margarine

III 62,5g Käse oder 125g Quark

 

Die „Einführung des Kartensystems für Lebensmittel“ als ganzseitige Auflistung aller Rationen im Haller Kreisblatt machte die Hallerinnen und Haller mit dem Kriegsalltag vertraut. Noch konnte sich kaum jemand vorstellen, was die nächsten Jahre bringen würden. Doch eines war klar:

Die Zeit der festlichen Sportplatzweihen und großartigen Fußballspiele war vorbei…

 

 

 

 

 

Literatur

HALLER KREISBLATT, verschiedene Ausgaben, Aug./Sept. 1939.

Büschenfeld, Jürgen: Steinhagen im Nationalsozialismus, Bielefeld 2018

ISBN 978-3-7395-1145-0.

Knipping, Andreas: Die große Geschichte der Eisenbahn in Deutschland,, München 2013 ISBN 978-3-95613-000-7.

Reuth, Ralf Georg: Goebbels Eine Biographie, München 1995,

ISBN 3-492-12023-7.

Werneckenschnieder, Martin: Borgholzhausen im Nationalsozialismus, Bielefeld 2014 ISBN 978-3-89534-845-7.

Fußballspiel Schalke - Arminia zur Einweihung der Osning-Kampfbahn. Bekanntmachung im Haller Kreisblatt, August 1939..

 

[1] Haller Kreisblatt vom 28. August 1939.

[2] Knipping, Andreas: Die große Geschichte der Eisenbahn in Deutschland,, München 2013, S.110.

[3] Fritz Sänger zitiert nach Reuth, Ralf Georg: Goebbels Eine Biographie, München 1995, S.421.

 

[4] „Ausgabe von Bezugsscheinen für Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände im Mobilisierungsfall“, Kreisarchiv Gütersloh, Akte A01/01d, Nr. 140, zitiert nach Büschenfeld, Jürgen: Steinhagen im Nationalsozialismus, Bielefeld 2018, S. 107.

[5]  Zeitzeugengespräch mit einem damaligen Mitarbeiter am 7. September 2019.

[6] Haller Kreisblatt vom 28. August 1939.

[7] Werneckenschnieder, Martin: Borgholzhausen im Nationalsozialismus, Bielefeld 2014, S. 65.

[8] Ebd.

[9] Haller Kreisblatt vom 30. August 1939.

[10] Ebd.

[11] Haller Kreisblatt vom 31. August 1939.

[12] Ebd.

[13] Haller Kreisblatt vom 4. September 1939.

[14] Haller Kreisblatt vom 12. September 1939.

[15] Haller Kreisblatt vom 13. September 1939.

[16] Haller Kreisblatt vom 25. September 1939