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AusstellungZeitRaum 3 NationalsozialismusThemenwand Der Krieg Absturz eines Halifax-Bombers

Absturz eines Halifax-Bombers

Foto / Trümmer verschiedene Materialien | 1943
Foto: Albert Buck. Trümmer: Haller ZeitRäume.

Nur Trümmer blieben übrig von dem britischen Halifax-Bomber, der am 29. Dezember 1943 am Knüll kurz hinter der „Kaffeemühle“ einschlug. Die Besatzung landete mit Fallschirmen und wurde in Halle gefangengenommen. Hier, in der Einflugschneise nach Bielefeld und Berlin, stürzten während des Zweiten Weltkrieges mehrere Flugzeuge ab.

Hören Sie, was die damaligen Jungbauern Erwin Ellerbrake und Fritz Weßling zum Luftkrieg über Halle/Westfalen berichten… (Symbol Lautsprecher)

Oder lesen Sie die Geschichte des Absturzes aus der Sicht des 18jährigen Bordschützen Albert Gunn unter…

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Exponat: Absturz eines Halifax-Bombers

Kaffemühle knapp verfehlt!

Flugzeugabsturz im Winter 1943/44

Am 29. Dezember 1943 starteten mehrere hundert Bomber von England, um Berlin zu bombardieren. Zur Täuschung der Deutschen wurde erst Leipzig angeflogen. Unter den Flugzeugen war auch der Bomber mit der Seriennummer JD 264 vom 51. Schwadron mit dem Heimatflughafen Snaith in Yorkshire  (zwischen Hull und Leeds). Es war eine viermotorige Halifax II  mit einer siebenköpfigen Besatzung:

Pilot                    Andrew Baird

Flugingenieur      Gerald (Gerry) Mowbray

Navigator      Ralph Jones                                                                              Bombenschütze    Patrick Coryton

Funker                 John A. (Jack) Horrell

Schütze                Albert D. Gunn

Schütze                Charles Mc Wilks

Der Bomber bekam einen Motorschaden, sodass ein Weiterflug nur mit 3 Motoren möglich war. Da er voll beladen war, kehrte man bei Magdeburg um, um nach England zurückzufliegen. Man warf alle Bomben ab, um leichter zu werden. Der Bomber musste aufgegeben werden. Gegen 19.30 Uhr sprang die Besatzung über Halle ab, da sie dachte, über Holland zu sein. Gelandet wurde in und um Halle (Ascheloh, Rotingdorf, Haller Stadtwald, Fa. Rolff (heute steht dort der Marktkauf)). Die Soldaten wurden gefangen genommen und nach Gütersloh gebracht. Ein Protokoll der Gefangennahme befindet sich im Haller Stadtarchiv. Das Flugzeug stürzte in den Wald in der Nähe der „Kaffeemühle“   (ca. 1000 m vom Haller Zentrum).

Erlebnisbericht des britischen Schützen Albert Gunn

Der Schütze Albert Gunn war damals 18 Jahre alt und ist heute der wahrscheinlich einzige noch Lebende der Besatzung. Er schreibt 2001 über seine Erlebnisse[1]:

457 Lancaster, 252 Halifax und 3 Mosquitos sollten über Holland und den Wendepunkt nördlich von Leipzig nach Berlin fliegen. An Bord hatten sie auch 2 Tauben. Für den Fall einer Notwasserung in der Nordsee sollten diese die Position nach Yorkshire bringen. Wegen der Kälte war die Mannschaft dick angezogen. Besonders die Schützen in ihren Kanzeln waren der Kälte ausgesetzt. So hatte die Mannschaft auch beheizte Kleidung (z.B. Handschuhe) an. Arme und Beine waren nicht beheizt. Schwimmwesten mussten über der Nordsee getragen werden. Fallschirme waren auch angelegt. Sauerstoffmasken wurde getragen. Sie waren mit Mikrofonen versehen, damit die Mannschaft in Kontakt bleiben konnte. Gestartet wurde noch im Hellen mit maximaler Beladung an Benzin und Bomben.

Ein Motor verlor an Kraft und wurde abgestellt. Die Maschine konnte aber noch mit den anderen mithalten. Ein weiterer Motor machte Schwierigkeiten. Dadurch verlor der Bomber an Höhe. Man entschied sich zum Rückflug. Durch Bombenabwurf konnte man die Höhe halten. Der Pilot hatte Schwierigkeiten, die Maschine zu kontrollieren und man entschloss sich, sie aufzugeben. Die Position des Flugzeuges war unsicher; man dachte, über Holland zu sein.

Als erster stieg der einzige Offizier Coryton aus. Als der Höhenmesser 2000 Fuß anzeigte sprang der Schütze Gunn durch das schwarze Loch im Boden. Funker und Pilot waren die letzten. Der Fallschirm öffnete sich und Gunn fiel langsam und schwingend zu Boden. In der Ferne sah er die Maschine explodieren. Er landete an einem Feldrand. Es regnete. Der Fallschirm wurde in Büschen versteckt. Vorschrift war, sich in entgegengesetzter Richtung zur Maschine zu bewegen. Gunn hoffte, da er sich in Holland glaubte, Kontakt mit dem Widerstand aufnehmen zu können. Es war 19.30 Uhr. Tanzmusik hörte er aus einem Gebäude. Er ging durch Gärten wieder aufs Land hinaus. Er suchte eine Unterkunft für die Nacht; aber er wurde überall durch bellende Hunde abgewiesen.

Einige Stunden war er gegangen. Er merkte, dass er verfolgt wurde. Deshalb versteckte er sich hinter einem Baum, um zu sehen, wer ihn verfolgte. Es war ein Mann in Uniform mit einem rot-weiß-blauen Zeichen an seiner Mütze.

„Dutch?“ fragte Gunn ihn. „Ja“ antwortete dieser, weil er „Deutsch“ verstanden hatte. Eine Durchsuchung fand statt. Der Mann nahm dem Briten die Tafel Schokolade, die dieser für den Rückflug gedacht hatte. Es tauchten weitere bewaffnete Menschen auf. Man ging zur Stadt zu einem kleinen Laden, um zu telefonieren. Zwei Frauen brachten ein sehr verängstigtes Mädchen von ca. 14 Jahren, welches in ihrem Schulenglisch fragte „American?, Canadian?, English?“ Gunn sagte jedes Mal „No“. Das ängstliche Mädchen gab auf. Gunn sah auch schlimm aus: durch die Landung in den Büschen war sein Gesicht schmutzig, zerkratzt und blutig.

Es ging zur Polizeistation. Man saß in der Küche, wo ein Ofen Hitze spendete.

Der Polizeichef war zugegen und ein Ehepaar saß am Tisch. Ein ca. 15 Jahre alter Junge kam und grüßte mit Nazigruß. Die Erwachsenen standen auf und erwiderten den Gruß. Der Junge sprach gut Englisch. Er fragte nach den Kameraden von Gunn. Gunn antwortete: sie sind alle tot. Der Junge wusste es besser und sagte, dass sie gefangen genommen wurden. In einem Volkswagen Käfer fuhren sie nun nach Bielefeld zum Rathaus. Dort traf man sich mit anderen abgeschossenen Mannschaften. Erneut wurden sie durchsucht. 2 Luftwaffenoffiziere brachten sie nach Gütersloh, wo Gunn in eine Zelle gesperrt wurde. Er wurde verhört und nach seinen Wünschen gefragt. Er wollte sich gerne waschen. Zu essen gab es eine Schüssel mit Suppe. Darin schwammen Schwarzbrot und Kartoffeln. Nur diese aß Gunn. Die Wächter wunderten sich, da sie das gleiche Essen hatten.

Am 31. Dezember konnte er sich waschen und bekam seine eigene trockene Kleidung wieder. Zwei andere Mannschaftsmitglieder traf er.

Am 1. Januar 1944 ging es mit einem Lastwagen nach Bielefeld zum Berlin-Frankfurt-Express. In Bielefeld trafen sich sechs der Mannschaft wieder. G. Mowbray war auf dem Weg nach Gütersloh geflohen. Im Frankfurter Lager Dulag Luft, welches sie im Dunklen erreichten, gab es Wächter, die perfekt Englisch sprachen. Immer wieder wurden sie verhört und durchsucht. Gunn kam zuletzt in das Lager Stalag IV B. 17 Monate war er insgesamt in Gefangenschaft.

Martin Wiegand

4. November 2011

Trümmer des am 29. Dezember 1943 in Halle abgestürzten Halifax-Bombers. Haller ZeitRäume.

[1] Renee Ounsley (Hg.): Snaith Knights – Tales from Bomber Command 1941-1945, Bd. II, Roberttown-Liversedge West-Yorkshire/UK 2001.