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Hebammenwesen – Babykorb

Weidengeflecht | um 1935
Schenkung von Ekkehard Schürmann

Mehr als die Hälfte der Haller Kinder wurde in den Nachkriegsjahren zu Hause geboren. Wenn es schnell gehen musste, kam der „Storch“ schon mal auf dem Moped und trug einen grünen Lodenmantel. Dieser war das Markenzeichen von Helene Schuster, einer der ausgebildeten Hebammen in Halle. Erfahren Sie mehr über die liebe und resolute Schlesierin, ihre Arbeit und…

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Details und Hintergründe

Ein Fall für’s Krankenhaus…?

Geburtsorte im Wandel 1900-1968

In ihrem Elternhaus erblickten bis ins 20. Jahrhundert, die meisten Kinder das Licht der Welt. Auch nach dem Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) fanden in Deutschland 97% der Geburten außerhalb der Krankenhäuser statt.[1] Das Leben der werdenden Mutter und des Kindes lagen über Jahrhunderte in den Händen der Hebammen.
Im Mittelalter erfuhren die Hebammen eine soziale Aufwertung. Sie wurden z.B. mit der „Nottaufe“ betraut. Ferner ermächtigte die Kirche sie, im Todesfall der Mutter einen „Kaiserschnitt“ durchzuführen. Gleichzeitig schaffte die Kirche damit eine Kontrollinstanz. Bei Kenntnis von unehelicher Schwangerschaften bestand eine Meldepflicht. Bei Zuwiderhandlung mussten die Hebammen mit Repressionen rechnen. Im schlimmsten Fall drohte den Hebammen die „Hexendenunziation“.[2]

Im ausgehenden Mittelalter wurden erste städtische Hebammenordnungen verfasst, die genauestens Pflichten und Aufgaben der Hebammen aufzeichneten. Über die auf dem Land tätigen Hebammen ist insgesamt wenig bekannt. Die praktizierenden Laienhebammen wurden hier erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts durch geprüfte und ausgebildete Hebammen abgelöst.
Spannungen gab es seit dem 16. Jahrhundert zwischen „universitär gebildeten Buchärzten“ und den in der Praxis tätigen und kundigen, aber nicht ausgebildeten Hebammen. Stein des Anstoßes war die Herausgabe der ersten Hebammenlehrbücher, seitens der Ärzteschaft.

Im 18. Jahrhundert bildete sich zudem aus der Gruppe der Chirurgen eine ernstzunehmende männliche Konkurrenz in der Geburtshilfe, heraus. Die Hebammenlehrer wurden in neu gegründeten Hebammenlehranstalten in allen deutschen Kleinstaaten eingesetzt. Hebammen mussten sich nun, aufgrund von Bestimmungen der Obrigkeit, einer Ausbildung unterziehen. Ferner sorgten gesetzliche Verordnungen dafür, dass sich der Zuständigkeitsbereich der Hebammen auf „Normalgeburten“ beschränkte. In den großen Städten entstand ein Nebeneinander von Hausgeburten und Entbindungen in den von Ärzten betreuten Krankenhäusern.
Im 19 . Jahrhundert entwickelte sich Geburtshilfe zusammen mit der Gynäkologie zu einer eigenständigen medizinischen Disziplin.
Übergreifend regelten nunmehr landesgesetzliche Ordnungen das Hebammenwesen und geben Regelungen und Maßnahmen für Hygiene- und Desinfektion den Hebammen vor. Erst mit der Festlegung in den landesgesetzlichen Regelungen über „Hebammenbezirke“, wurden den zahlreichen tätigen praktizierenden Hebammen auf dem Land, die Berufsausübung endgültig verweigert.

Ein Nest fürs erste Lebensjahr - Uwe Schürmann in seinem Weidenkorb um 1933. Fotos: Leihgabe von Ekkehard Schürmann.

Ein Nest fürs erste Lebensjahr - Uwe Schürmann in seinem Weidenkorb um 1933. Fotos: Leihgabe von Ekkehard Schürmann.

Der Nationalsozialismus förderte, trotz Protest der Ärzteschaft, erneut die Hausgeburt und sah die Klinikgeburt als eine „Einzelfallentscheidung“ in dringenden Fällen. In Halle/Westfalen wurde 1934 folgender Erlass veröffentlicht: „Die häusliche Entbindung ist in jeder Hinsicht zu fördern. Einweisungen in Entbindungsanstalten sind auf die dringenden Fälle zu beschränken. Sie sollen nur erfolgen, wenn entweder nach sachlicher Entscheidung einer Hebamme oder eines Arztes dringend gesundheitliche Gründe vorliegen oder die Wohnungsverhältnisse eine Überweisung unbedingt erforderlich erscheinen lassen. Hierbei ist davon auszugehen, da) die gesundheitlichen Vorzüge der Einzelentbindung im Haus so groß sind, daß sie den Nachteil selbst sehr ungünstiger Wohnungsverhältnisse voll ausgleichen. Ich verweise auch auf den anliegenden vom Reichsgesundheitsführer gebilligtem Erl. desRMdJ vom 6.9.1934- III aII 3181/34.“[3]

Nach dem Zweiten Weltkrieg entbanden die Frauen zunächst überwiegend weiter Zuhause. Die Haller Bezirkshebammen waren mobil: mit dem Moped wie Frau Schuster oder mit einem VW-Käfer wie Frau von Campe. Die Frage nach Haus- oder Klinikgeburt hatte auch einen finanziellen Hintergrund: Erst ab 1968 übernahmen die Krankenkassen die Klinikkosten für jede Geburt, die bis dahin nur für Frauen mit „Risikoindikationen“ möglich war. Immer mehr ausgebildete Hebammen fanden in dem festen Angestelltenverhältnis des Krankenhauses ein Arbeitsfeld.

Bettchen für Neugeborene von der Entbindungsstation des Haller Krankenhauses, 1970er Jahre. Sammlung Haller ZeitRäume.

Bettchen für Neugeborene von der Entbindungsstation des Haller Krankenhauses, 1970er Jahre. Sammlung Haller ZeitRäume.

Gudula Hunger

[1] Britta Schmitz,
[2] Britta Schmitz, S. 22.
[3] Stadtarchiv Halle (Westf.), Akte C 623.